Konkreter Einsatz von Big Data, AI und Co in Anwaltskanzleien – Interview mit B. Weissmann | EY

Die Zukunft der Rechtsbranche
In unserem heutigen Interview mit Benjamin Weissmann sprechen wir über die konkrete Nutzung von Legal Tech Tools in der modernen Anwaltskanzlei. Als Geschäftsführer der Forensic Technology & Discovery Services/ Compliance Management Services bei Ernst & Young teilt er seine Expertinsights und Tipps für Anwältinnen und Anwälte im Digitalen Zeitalter. Herr Weissman, als Geschäftsführer der Forensic Technology & Discovery Services/ Compliance Management Services bei Ernst & Young haben Sie täglich mit großen Datenmengen zu tun. Welchen Stellenwert haben dabei Dinge wie Big Data und Artificial Intelligence bei Ihrer Arbeit?  Beide Aspekte nehmen mittlerweile einen sehr großen Stellenwert ein. In den letzten Jahren wurden „Big Data“ bzw. „Artificial Intelligence“ noch als sogenannte „Buzzwords“ für zukünftige Entwicklungen gesehen, mittlerweile sind beide Themen allgegenwärtig. Der Begriff „Big Data“ wird in den verschiedenen Branchen stark unterschiedlich ausgelegt, aber gerade in der IT Forensik und der e-Discovery gibt es kaum „kleine“ Fälle mehr. Durch die zunehmenden Größen bzw. den Speicherplatz aktueller Speichermedien liegen mittlerweile auch bspw. auf Smartphones Unmengen an Daten, welche auch für diverse Untersuchungen relevant sein können. Im Vergleich den letzten Jahren hat sich die Datenmenge bekanntlich um ein Vielfaches erhöht, und die Tendenz geht immer weiter nach oben. Aktuelle Schätzungen gehen von einer weiteren Verzehnfachung bis zum Jahr 2025 aus. Hand in Hand mit den zunehmenden Datenmengen geht daher natürlich die Verwendung von künstlicher Intelligenz und Automatisierungen. Einige technische Aufgaben können automatisiert und daher beschleunigt werden. Gerade bei e-Discovery Untersuchungen bietet sich der Einsatz von künstlicher Intelligenz besonders an. Wurden früher Dokumente noch von einer Vielzahl an Personen manuell gesichtet und bewertet, kann die Maschine heutzutage entsprechend trainiert werden, um einen Review einerseits zu beschleunigen und andererseits den bekannt immensen Personaleinsatz zu reduzieren. Wo sehen Sie die Unterschiede beim Einsatz von Legal Tools oder Smarttechnologies der Großkanzleien gegenüber kleineren Kanzleien? Wann kommt e-Discovery wirklich zum Einsatz? Was ist der Unterschied zwischen e-Discovery und Tools wie Kira oder Luminance? Wir sehen in Europa im Vergleich zu bspw. der USA generell noch einen recht eingeschränkten Einsatz von Legal Tools in Kanzleien. Im Vergleich zwischen Großkanzleien und kleineren Kanzleien innerhalb von Österreich lässt sich derzeit keine klare Tendenz erkennen. Es gibt in beiden „Lagern“ Vorreiter, die sich an der Technik versuchen, und andere, welche noch abwarten bzw. den Markt sondieren. Auffallend, oder eher selbstverständlich, ist natürlich, dass Großkanzleien eher auf vollumfängliche Software-Suites, wie auch kanzleiübergreifenden Eigenentwicklungen, setzen, während kleinere Kanzleien eher zu einzelnen spezifischen Lösungen tendieren. Österreich ist, wenn es um die Umsetzung und das Einsetzen von neuen Technologien geht, bekanntermaßen besonders am Anfang immer sehr vorsichtig. Ähnlich zu den Legal Tools wird auch e-Discovery in Österreich noch recht spärlich eingesetzt. Häufigste Anwendungsfälle betreffen interne Untersuchungen und gerichtliche Streitfälle. Während es bei e-Discovery Untersuchungen um die technische Aufbereitung und Sichtung von einzelnen Dokumenten im Untersuchungsfall geht, setzen Kira und Luminance auf die Unterstützung der täglichen Arbeit von Anwälten bspw. In der Analyse von Verträgen mittels künstlicher Intelligenz. Wie verändern Legal Tech Tools den Arbeitsalltag und die Arbeitsweise?  Auf jeden Fall werden die Arbeit bzw. einzelne Arbeitsschritte wesentlich digitalisierter. Viele Aufgaben, welche früher händisch auf Papier durchgeführt wurden, bspw. Reviews, Schwärzungen, Vergleiche von Klauseln, können heute in spezialisierten Legal Tools umgesetzt werden. Das führt natürlich dazu, dass sich die Anwältinnen und Anwälte bis zu einem gewissen Grad mit der Technik auseinandersetzen müssen. Legal Tools bieten viele unterschiedliche und wirklich hilfreiche Möglichkeiten, bei einer falschen Bedienung, insbesondere im Bereich von künstlicher Intelligenz, stellen sie aber eher eine Erschwerung dar und bieten auch nicht die gewünschte zeitliche Einsparung. Eine belastbare Technologiepartnerschaft wird für Kanzleien in Zukunft mit ein grundlegendes Unterscheidungsmerkmal sein. Die Anwalterei wird wohl sobald nicht von der Künstlichen Intelligenz übernommen — wo sehen Sie die größten Chancen für Juristinnen und Juristen und was wird in Zukunft gefordert werden, um in dieser schnelllebigen Zeit noch mithalten zu können?  Kanzleien, bzw. Anwältinnen und Anwälte, die sich von Anfang an intensiv mit Legal Tools befassen, diese einsetzen und damit Erfahrungen sammeln, werden früher oder später einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil erzielen. Die Tools werden laufend erweitert und verbessert, aber derzeit steckt die Legal Technology quasi noch in den Kinderschuhen. Generell, auch unabhängig von den Legal Tools, ist es für Kanzleien mittlerweile schon unabdingbar, eine gewisse Grundkompetenz in unterschiedlichen technischen Themen aufzubauen und entsprechende Technologiepartnerschaften zu evaluieren. Durch die Digitalisierung bewegen sich natürlich auch die zu bearbeitenden Fälle in diese Richtung. Ein Grundwissen über die Funktionsweise von Computern, Netzwerken, dem Internet, oder welche technischen Schritte mit einer e-Discovery einhergehen, werden pro futuro einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bieten. Ein solches technisches Grundwissen hilft bspw. auch dabei, die Zusammenarbeit mit internen und externen Technologiepartner zu optimieren, bzw. in einem engen Austausch gewinnbringend zusammenzuarbeiten.