Nachdenken und Umdenken mit Legal Tech Start-Ups, Interview mit Legal Tech Experten von DLA Piper

Die Zukunft der Rechtsbranche
Was passiert wenn alle am gleichen Strang ziehen und was kann die Arbeit mit Start-Ups beibringen? Ist das Wort disruptiv equivalent mit angsteinflößend? Gibt es Do’s ad Don’ts? Wir fragen nach und unterhalten uns mit DLA Piper’s Valerie Kramer, Armin Heidrich und Johannes Kautz
Herr Kautz,  DLA Piper arbeitet regelmäßig mit Legal Tech Unternehmen — wo sehen Sie die größten Chancen im LegalTech Bereich?  Kurzfristig liegen die Chancen vor allem in der Prozessoptimierung und Qualitätssteigerung. Durch Legal Tech-Tools kann man die Effizienz erheblich steigern, Fehler vermeiden und gleichzeitig die Kosten reduzieren. Vor allem bei großen Projekten, bei denen eine Unmenge an Dokumenten ausgewertet werden muss, ist der Einsatz von Technologie und Legal Project Management mittlerweile fast unverzichtbar. Auch die Mandanten legen zunehmend Wert darauf, dass gewisse Arbeitsabläufe automatisiert und dadurch kostengünstiger werden. Vor allem in internationalen Großkanzleien können Legal Tech-Tools aber auch für die interne, länderübergreifende Kommunikation und den Austausch mit Mandanten eingesetzt werden. Auch das Gerichtswesen ließe sich durch den Einsatz von LegalTech deutlich effizienter gestalten. Das bedeutet noch lange nicht, dass Urteile in Zukunft mittels Algorithmen gefällt werden sollten. Aber durch gezielte Investitionen in diesen Bereich ließe sich auch der Personalmangel in der Justiz bekämpfen.  Langfristig liegen die größten Chancen, aber auch die größten Herausforderungen, wahrscheinlich im Bereich künstliche Intelligenz, Blockchain und smart contracts, weil diese Bereiche langfristig das Berufsbild des Anwaltes verändern bzw erweitern werden. Außerdem müssen hier erst die passenden rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, sodass zusätzlicher Beratungsbedarf bestehen wird. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, Trends rechtzeitig zu erkennen und sich zu spezialisieren.   Frau Kramer, gibt es ein Schema nach welchem Sie die Start-Ups aussuchen mit denen Sie zusammenarbeiten? Gibt es Schwerpunktsetzungen oder ist Ihre Herangehensweise holistischer an die Bedürfnisse von Markt und Klientinnen und Klienten angepasst?  Während unsere Herangehensweise selbstverständlich an die Bedürfnisse unserer Klienten angepasst ist, besteht in den letzten Jahren sicher ein Beratungsschwerpunkt im Technologiebereich. Das gilt sowohl für unsere internationale Beratungstätigkeit als auch jene innerhalb Österreichs. Die meisten unserer Cross-Border Transaktionen befinden sich im Technologiebereich. Hinzu kommt in jüngerer Zeit der Bereich Crypto, dies aber eher innerhalb Österreichs. Im Allgemeinen beraten wir Start-Ups in jedem Entwicklungsstadium – von der Gründung, über oft sehr komplexe Investmentrunden, bis hin zum Exit. Dabei  bringt jedes Entwicklungsstadium typischerweise bestimmte Fragestellungen und Themen mit sich. Wenn wir uns Start-Ups aktiv in Bezug auf eine mögliche Zusammenarbeit ansehen, sehen wir uns diese (oberflächlich) aus dem Blickwinkel eines Investors an, dh wir sehen uns an, was das Business Case ist, was der USP ist und, kurz gesagt: What’s the unmet need? Dies, weil wir auch viel auf Seiten der Investoren beraten, aber auch weil bei einem starken Start-Up zahlreiche Anknüpfungspunkte bestehen werden. Da wir sowohl auf Seiten von Start-Ups als auch auf Seiten der Investoren beraten, haben wir profunden Einblick in die relevanten Themen auf beiden Seiten. Wenn möglich und zulässig (nach Conflict Check) ermöglicht uns unsere globale Plattform auch das zusammenbringen von potentiellen Investoren mit Start-Ups – das kann sehr spannend sein. Auch sehr spannend, ist die Begleitung eines Start-Ups in einen neuen Markt, gemeinsam mit unseren Kollegen vor Ort – nach dem Motto: Garage 2 Global.         Herr Hendrich Im Anschluss an die vorherige Frage: Was sind ihre Top 3 „Deal Breaker“  auf der Suche nach neuen Start-Ups  und wie sind diese vermeidbar? (1) Versprechen und nicht liefern (können): Gerade im Bereich des Einsatzes von „künstlicher Intelligenz“ werden Versprechungen gemacht, oder zumindest suggeriert, die die Produkte letztendlich nicht halten können. Auch wenn der Bedarf am Markt nach solchen Technologien groß ist, ist die Skepsis noch höher, sofern nicht der Wunsch als Vater des Gedanken sich durchsetzt. Wenige haben bislang hier mit dem Einsatz von fortschrittlichen Algorithmen wirklich Neuland betreten können. (2) Mangelnder Einblick in juristische Tätigkeit: Nicht alle Unternehmen am Markt stellen den Zugang zum Verständnis der Arbeitsabläufe ihrer potentiellen Kunden – der Anwaltskanzleien, oder in-house Legal Teams – sicher. Vielerorts finden wir auch „Trittbrettfahrer“, die sich eine gute Idee zu eigen machen versuchen um diese zu kommerzialisieren. Es ist natürlich eine Herausforderung zu verstehen wenn man nicht aus der Branche ist und noch wenige Juristen haben die richtigen Partner für die technologischen Herausforderungen gefunden. Und dann gilt es natürlich bestmöglich vorauszusagen, wie sich die Arbeitsabläufe dieser Kunden in Zukunft verändern werden um „ahead of the curve“ zu sein. (3) Es gibt eine wachsende Zahl an technisch bewandten Juristen. Die breite Masse repräsentieren sie sicherlich nicht. Tools müssen intuitiv zu bedienen sein. Intuitive Benutzeroberflächen stellen Herausforderungen für die größten Technologiekonzerne der Welt dar und oft scheinen Start-Ups damit völlig überfordert. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass wir auch sehr vielversprechende Ansätze gesehen haben. Fazit: Ist das Tool nicht intuitiv zu bedienen, werden es die (potentiellen Benutzer) ablehnen. Darüber hinaus gäbe es natürlich noch andere Dealbreaker, von Cyber Security bis hin zu rechtlichen Herausforderungen, denen die Unternehmen nicht gewachsen sind – vor allem, wenn diese „multi-jurisdictional“ eingesetzt werden sollen. Frau Kramer, Können Sie uns ein wenig über ihre derzeitigen Projekte in der Start-Up Gruppe erzählen? Unser Bestreben ist es bei dieser Initiative, Start-Ups die Möglichkeiten und Expertise unserer globalen Plattform zu erschließen. Durch Accelerate stellen wir Gründern kompakte Informationen und Materialien zur Verfügung, die insbesondere am Anfang der Unternehmensgründung hilfreich sind: https://www.dlapiperaccelerate.com/. Diese sind zwar primär anglo-amerikanisch geprägt, aber dennoch auch in unseren Breiten für Gründer von Interesse, insbesondere wenn künftig internationale Investoren angesprochen werden sollen. In Bezug auf eine österreichische Gesellschaft sollte natürlich stets entsprechender rechtlicher Rat eingeholt werden. Durch unsere globale Präsenz sind wir optimal positioniert, Start-Ups bei der Entwicklung und Expansion ins Ausland zu beraten. Aus interner Sicht sind wir dabei, eine möglichst weitreichende internationale Präsenz von Accelerate aufzubauen und Expertise zu bündeln. Nach außen gerichtet, versorgen wir Start-Ups mit interessanten Inputs und Beiträgen auf der Accelerate Website. Herr Kautz, Ihre Arbeit in der DLA Piper Start-Up Gruppe hat Ihnen quasi Front-Row seats für Innovation und Weiterentwicklung einer digitalisierten Rechtsbranche geboten. Was sagen Sie könnte man sich als Kanzlei oder Rechtsabteilung von diesen innovativen Start-Ups abschauen und für ein Umdenken in den eigenen „4-Arbeitswänden“ implementieren? Sowohl für Rechtsabteilungen als auch für Anwaltskanzleien ist es wichtig, eine Strategie im Umgang mit LegalTech zu entwickeln und sich genau zu überlegen, in welchen Bereichen der Einsatz von Technologie sinnvoll ist. Hier ist es natürlich sehr hilfreich, einen guten Überblick über die neuesten Entwicklungen und Innovationen zu haben. Die Arbeit mit LegalTech Start-Ups ist aber auch deshalb unglaublich spannend, weil hier mit Recht und IT zwei Bereiche aufeinandertreffen, die bisher nicht unbedingt ein perfect match waren. Der Erfolg von Rechtsabteilungen und Anwaltskanzleien wird daher in Zukunft stark davon abhängen, wie die Zusammenarbeit zwischen IT-Spezialisten und Juristen koordiniert wird und ob ausreichende Kenntnisse in beiden Bereichen vorhanden sind. Das bedeutet natürlich nicht, dass in Zukunft alle AnwältInnen und UnternehmensjuristInnen auch IT-Experten sein müssen, ein gewisses Grundverständnis wird aber gefragter denn je sein. Es ist daher sinnvoll, auch interne Schulungen in diesem Bereich durchzuführen. Das beste Tool hilft nichts, wenn die Mitarbeiter es nicht verwenden. Herr Hendrich, Was war persönlich ihr größtes Learning bei der Zusammenarbeit mit Start-Ups und wann hatten Sie den letzten „aha-Moment“? Mein größtes Learning bezieht sich klar auf den erstgenannten „Deal-Breaker“. Kratzt man an der Oberfläche der Tools kommen schnell die Schwächen zum Vorschein und zu oft ist es schwer den „way forward“ zu sehen. Es ist eine wesentliche Aufgabe und Herausforderung der Legal Tech Spezialisten in der Kanzlei, hier genau zu prüfen und auf die richtigen Tools zu setzen. Ich durfte dabei aber auch schon erleben, wie ein Start-Up die Einblicke, die wir geliefert haben und das Wissen um Abläufe, dass wir zur Verfügung stellen, geradezu aufgesaugt haben und hart daran arbeiten Schwächen in Stärken zu verwandeln. Mit gewissem Schmunzeln sehe ich aber auch, wie Start-Ups, deren Kunden auf die eine oder andere Art Juristen sind, die rechtliche Dokumentation ihrer Produkte sehr stiefmütterlich behandeln. Gerade weil so viel „Oversold“ wird, sind die Momente in denen man staunend (im positiven Sinn) vor einem Tool sitzt, selten. Umso schöner ist es, wenn es aber tatsächlich so ist und man ein ehrliches „genial“ herausbringt. Für mich hat das in den letzten Jahren vor allem ein Tool geschafft, welches mit Hilfe von Natural Language Processing menschliche Verhaltensmuster nachvollzieht (im Zusammenhang mit Investigations) und es gibt kaum einen „aha-Moment“ wie den, seine eigenen (unterbewussten) Muster vorgeführt zu bekommen. Das Wort disruptiv kann sich anfänglich ein wenig befremdlich oder angsteinflößend anhören, warum glauben Sie, dass der Rechtsbereich aber genau diese Art von Weckruf braucht und wie kann Digitalisierung die Anwaltei verbessern?  Herr Kautz: Die Anwaltsbranche ist tatsächlich eher zurückhaltend. Manche Anwälte sind skeptisch, andere beschäftigen sich gar nicht mit diesem Thema oder nur deshalb, weil sie den Zug nicht verpassen möchten. Das Schreckgespenst, dass Anwälte in Zukunft durch Maschinen ersetzt werden, ist natürlich Unsinn, denn technologischer Fortschritt schafft langfristig mehr Jobs als er kostet. Allerdings wird die Digitalisierung alle Bereiche des Wirtschaftslebens verändern und da kann sich auch die Rechtsbranche nicht verschließen. Dieser Prozess wird sehr schleichend gehen. Profitieren werden diejenigen, die sich am besten an die geänderten Rahmenbedingungen anpassen. Man sollte Innovation und Digitalisierung daher nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnehmen. Tools, mit denen einzelne Arbeitsschritte oder einfache Rechtsdienstleistungen automatisiert werden, können Anwälte nicht ersetzen, sondern sie unterstützen und helfen ihnen dabei, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Denn letztendlich wünschen sich Mandanten gerade keine standardisierte Beratung, sondern bevorzugen individuelle und speziell auf sie zugeschnittene Lösungen. Und wenn künstliche Intelligenz die Rechtsbranche verändert, werden sich dadurch natürlich auch für Anwälte neue Geschäftsfelder eröffnen. Mit Veranstaltungen wie dem Vienna Legal Introduction Meet-Up bieten Sie einen Anlaufpunkt für Start-Ups auf der Suche nach Legal Know-How, Herr Kautz gibt es eine Idee/ einen Ansatzpunkt oder Gedankenanstoß, welchem Sie gerne jedem Start-Up mitgeben würden?  Das hängt natürlich sehr davon ab, in welcher Phase sich das Start-Up gerade befindet. Am Anfang ist es meistens so, dass die Gründer am liebsten sofort loslegen und ihre Geschäftsidee so schnell wie möglich umsetzen möchten. Diese Motivation und Dynamik macht die Arbeit mit Start-Ups ja auch besonders interessant und herausfordernd. Allerdings vergessen manche Gründer, ihre Hausaufgaben zu machen. Beim Aufbau eines Unternehmens ist vor allem eine gute Planung in allen relevanten Bereichen wichtig. Dazu gehört nicht nur die Erstellung eines Businessplans, man darf auch die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht vernachlässigen. In der Wachstumsphase beobachten wir vor allem bei sehr erfolgreichen Start-ups, dass die interne Organisation mit der Expansion und dem Wachstum des Unternehmens nicht mithalten kann. Wenn man als Gründer nicht von Anfang an versucht, rechtliche Risiken zu vermeiden, kann man auch böse Überraschungen erleben. Last but definitely not least: Abschließend noch eine Frage an Sie Frau Kramer. Was wünschen Sie sich für das DLA Piper Accelerate Projekt und von welchem Bereich von Legal Tech werden wir in der kommenden Zeit, Ihrer Einschätzung nach, noch sehr viel mehr hören?  Für das DLA Piper Accelerate Projekt wünsche ich mir, dass dieses von Start-Ups künftig als Fixpunkt in der Start-Up Szene wahrgenommen wird. Zwei Bereiche, die zunehmend wichtiger werden und in denen sich viel tut, sind Cyber Security und Virtual Events – dies war auch beim British Legal Technology Forum 2020 im März in London zu sehen. Im Bereich Cyber Security finden sich zunehmend leistungsstarke Algorithmen, die besonders innovative Lösungen und Produkte bieten – häufig von Start-Ups entwickelt. Cyber Security war immer schon ein fundamental wichtiger Bereich, der aufgrund der rasanten Zunahme von Cyber Attacken immer sichtbarer wird. Wenn nun eine globale Gesundheitskrise möglicherweise dazu führt, dass das Home Office stark zunimmt, so ist dies auch aus dem Blickwinkel von Cyber Security zu betrachten und es gilt entsprechende Vorkehrungen zu treffen, um sein Unternehmen vor solchen Attacken, die für ein Unternehmen existenzbedrohend sein können, zu verhindern. Dasselbe gilt für den Bereich Virtual Events, dh virtuelle Meetings oder Events, die live im kleinen oder großen Rahmen stattfinden oder Hybrid Virtual Events, die tatsächlich stattfinden und an denen entweder live oder virtuell teilgenommen werden kann, kombiniert mit zahlreichen interaktiven Features. Derartige Möglichkeiten werden vermutlich aufgrund der Klimakrise und im Fall eines (hoffentlich nicht) länger andauernden „Health Scare“  schneller angenommen werden und sich weitreichender verbreiten, als sie es sonst würden. Auch kann sich die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, dadurch möglicherweise signifikant ändern. Im positiven Sinne bieten Virtual Events jedenfalls weitere sinnvolle Varianten der Zusammenarbeit. Wir bedanken uns recht herzlich bei Frau Kramer, Herrn Hendrich und Herrn Kautz für das Interview und freuen uns auf die kommenden Entwicklungen des Start-Up Desk! Ihr Future-Law Team, Sophie Martinetz & Sophie Werner   Sophie Werner