Die neue Juristerei #NextGeneration: Im Interview mit Andreas Balog

Die Zukunft der Rechtsbranche
LegalTech agiert Generationsübergreifend in der Juristerei. Wie LegalTech vom Stolperstein zur helfenden Hand wird  und wie die nächste Generation von Anwältinnen und Anwälten den Arbeitsmarkt aufmischen wird? Wir sprechen mit Andreas Balog, Geschäftsleitung/General Counsel beim Samariterbund Österreich und Vorstand für Innovation und digitale Transformation bei der VUJ und stellen genau diese Fragen!
Future-Law vergibt dieses Jahr zum ersten Mal die NextGeneration Awards, um  Bachelor-, Master-, Diplom- sowie PH.D.-Arbeiten auszuzeichnen, die sich mit dem Thema Legal Tech beschäftigen — etwas fast unvorstellbares, wenn man nur zehn oder fünfzehn Jahre zurückblickt. Herr Balog, wie haben Sie die Veränderungen der letzten Jahre in der Juristerei wahrgenommen und wo gibt es noch Nachholbedarf?  Zu Beginn möchte ich festhalten, dass ich es eine tolle Initiative finde, junge Juristinnen und BalogJuristen, die sich mit dem Thema Legal Tech beschäftigen, auszuzeichnen und vor den Vorhang zu holen!  Die Digitalisierung hat nicht nur die Juristerei in den letzten 15 Jahren wesentlich geprägt:  unser gesamtes Arbeits-, Wirtschafts- und Gesellschaftsleben hat sich stark verändert. Es gibt heute praktisch keinen Lebensbereich mehr, der nicht von der Digitalisierung erfasst ist. Die Art und Weise wie wir leben, denken und handeln hat sich gewandelt.  Wenn ich heute – beispielhaft – nach einer Verhandlung mit meinem Smartphone über die Uber-App eine Fahrgelegenheit zum nächsten Termin organisiere, im Auto noch schnell ein paar Mails, Dokumente und Audio-Nachrichten versende, einen Artikel auf LinkedIn oder ein Foto auf Instagram stelle und mir später am Weg nach Hause noch eine Playlist über Spotify für meine abendliche virtuelle „Radausfahrt“ zusammenstelle (deren Daten, von der Tritt- bis zur Herzfrequenz, ich auf diversen Apps analysieren und mit der Welt teilen kann), so stellt das alles Lebenssachverhalte dar, die es so vor 15 Jahren noch nicht gab. Unsere Lebensrealität aber auch die Geschäftsmodelle der Unternehmen verändern sich rasant. Oder um einen juristischen Ausdruck zu verwenden: Wir stehen laufend neuen Sachverhalten gegenüber. Das bedeutet für Juristen und Juristinnen aller Rechtsgebiete neue Rechtsfragen, die es zu beantworten gilt, um den Mandanten oder das Unternehmen sicher und mit Mehrwert durch die neu entstehenden Realitäten und Grauzonen zu lotsen.  Ein weiterer Aspekt ist das Thema Legal Tech, also die neuen „Werkzeuge“, die die Arbeit der Juristinnen und Juristen schneller, besser und effizienter machen sollen oder einen anderen Zusatznutzen bieten. Vom Regen in die Traufe? Theoretisches Wissen unterscheidet sich teils stark von praktischem Können. Wie können angehende Juristinnen und Juristen einen nahtlosen Übergang vom Studium in den Arbeitsalltag schaffen und ist das überhaupt möglich, in einer Zeit, in der sich der Arbeitsmarkt ständig weiterentwickelt?  Ich bin überzeugt, dass junge Absolventinnen und Absolventen einen großen Mehrwert darstellen. Sie sind materiell- und prozessrechtlich durch ihre Ausbildung auf dem letzten Stand und können oft auch digitale Prozesse und Anwendungsmöglichkeiten vermitteln. Ein „nahtloser Übergang“ ist aber nur beschränkt möglich, da die Verknüpfung von theoretischem Wissen mit tatsächlichen Erfahrungswerten ein wichtiger Entwicklungsschritt ist, den man nicht überspringen oder abkürzen kann. Das ist allerdings kein neues Phänomen, und auch erfahrene Juristen und Juristinnen bleiben ihre ganze Berufslaufbahn gefordert, sich weiterzubilden und auf geänderte Rahmenbedingungen einzustellen. Laut einer Talentrocket Studie zum Thema Jurawelt von morgen informieren sich 70 Prozent aller Arbeitnehmer über Angebote der Konkurrenz. Was ist Ihrer Meinung nach zielbringend und sticht heraus in diesem „War of Talents“?  Als Arbeitgeber ist es wichtig, dass Potential der „Talents“ zu erkennen. Es ist für beide Seiten vorteilhaft, junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter partizipativ in Entscheidungsfindungen einzubinden und Ihnen notwendigen Entwicklungsspielraum zu bieten. Daneben ist aber auch eine gute praktische Ausbildung, die Weitergabe von Erfahrungswissen und die Teilhabe an Netzwerken wichtig. Ich halte Diversität in den Teams grundsätzlich für einen entscheidenden Faktor zum Erfolg von Unternehmen. Digital Natives haben vielleicht einen kleinen Startvorteil aber man muss nicht den Millenials oder Generation X,Y,Z angehören, um Digital Legal Expert zu werden. Welche Möglichkeit der Weiter- und Fortbildung haben Anwältinnen und Anwälte bzw. Unternehmensjuristinnen und Unternehmensjuristen die schon mit beiden Beinen im Arbeitsleben stehen?  Ich möchte es umgekehrt formulieren: Anwältinnen und Anwälte bzw. Unternehmensjuristinnen und Unternehmensjuristen, die schon mit beiden Beinen im Arbeitsleben stehen, haben einen Startvorteil – auch beim Thema Digitalisierung und Legal Tech. Denn gerade Praktiker haben schon das nötige Erfahrungswissen und kennen die sie betreffenden Prozesse sowie deren Zielsetzungen. Der Aufwand, sich ein Grundverständnis für Digitalisierung, neue Entwicklungen und Geschäftsmodelle anzueignen und sich mit neu entstandenen Rechtsfragen zu beschäftigen, ist im Vergleich überschaubar. Gerade für erfahrene Juristinnen und Juristen bieten sich so neue Chancen! Deswegen haben wir uns überlegt, welche Fähigkeiten Juristinnen und Juristen heute benötigen und wie man diese vermitteln kann. Das Ergebnis ist der neue interdisziplinäre Lehrgang Certified Digital Legal Expert.  Wir bedanken uns recht herzlich bei Herrn Andreas Balog für seine Zeit und seinen Input und wünschen Ihm und Seinen Mitarbeitern noch ganz viel Kraft in dieser fordernden Zeit! Ihr Future-Law Team, Sophie Martinetz & Sophie Werner   Sophie Werner