„AI wird in Rechtsabteilungen oft nicht nur aus Begeisterung genutzt – sondern aus Not“

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Sophie Martinetz, Gründerin und CEO von Future-Law, über die Ergebnisse des Legal Tech Barometer 2026 und was sie über den Zustand der Rechtsabteilungen verraten.

Frau Martinetz, Sie haben das Legal Tech Barometer 2026 bereits zum neunten Mal präsentiert – diesmal im Presseclub Concordia in Wien. Was ist Ihr wichtigstes Fazit?

Der Wandel ist in vollem Gange – und er ist nicht mehr aufzuhalten. 99 Prozent der befragten Juristinnen und Juristen nutzen KI zumindest gelegentlich, 45 Prozent sogar mehrmals täglich. Das zeigt: AI ist kein Experiment mehr, sondern Alltagswerkzeug. Die entscheidende Frage ist jetzt nicht mehr ob, sondern wie gut Organisationen diesen Wandel gestalten.

Rechtsabteilungen stechen in der Studie besonders hervor. Was macht sie so anders?

Sie sind die intensivsten Nutzerinnen im gesamten Rechtsmarkt – aber nicht aus Digitalisierungsbegeisterung. 55 Prozent berichten von steigenden Aufwänden bei gleichbleibender Teamgröße, im Gesamtfeld sind es nur 21 Prozent. Das ist ein enormer Unterschied. AI wird hier eingesetzt, weil es schlicht keine andere Option gibt. Viele starten bereits mit konkreten Anwendungen, ohne dass Governance, Budget und Strategie ausreichend geklärt sind.

Wo wird AI in Rechtsabteilungen konkret eingesetzt?

Vor allem im Kerngeschäft: Vertragsentwürfe, Dokumentenanalyse, Übersetzungen. Bei Vertragsentwürfen liegt die Nutzungsquote 37 Prozentpunkte über dem Branchenschnitt – das ist bemerkenswert. Als dominierendes Tool hat sich Microsoft Copilot etabliert, 72 Prozent setzen darauf. Das ist ein klassisches Infrastrukturphänomen: In Großunternehmen ist M365 bereits vorhanden, Copilot ist der naheliegendste Einstieg.

Die Studie zeigt aber auch eine klare Lücke: Trotz intensiver Nutzung kaum automatisierte Workflows. Wie erklären Sie das?

Das ist die zentrale Spannung, die mich am meisten beschäftigt. AI wird individuell genutzt – als persönliches Werkzeug. Aber systematisch, skalierbar, in Prozesse gegossen – das fehlt noch. 78 Prozent der Rechtsabteilungen haben keine automatisierten Workflows. Gleichzeitig planen rund 40 Prozent im Gesamtfeld deren Einführung. Die nächste Entwicklungsstufe zeichnet sich also ab: weg von einzelnen Tools hin zu integrierten, durchgängigen Prozessen.

Verändert AI auch das juristische Berufsbild?

Eindeutig ja – aber nicht so, wie viele befürchten. Was wir beobachten, ist keine Verdrängung, sondern eine Verlagerung. Routinetätigkeiten wandern zur KI, die gewonnene Zeit wird für komplexere Fragestellungen, strategische Beratung und Qualitätssicherung genutzt. Urteilsvermögen, Mandantennähe, ethische Verantwortung – das gewinnt im KI-Zeitalter sogar an Bedeutung. Juristinnen und Juristen, die KI als Werkzeug beherrschen, werden künftig dort gebraucht, wo diese menschlichen Qualitäten gefragt sind.

Und wie optimistisch blicken die Rechtsabteilungen in die Zukunft?

Sehr – auffallend optimistisch sogar. 100 Prozent der Befragten aus Rechtsabteilungen erwarten, dass Due-Diligence-Prüfungen innerhalb von zwei Jahren vollständig durch AI übernommen werden. Das ist eine bemerkenswerte Aussage aus einem Bereich, der für seine Vorsicht bekannt ist. Jetzt entscheidet sich, wer den Wandel aktiv gestaltet – und wer von ihm gestaltet wird.

Sophie Martinetz ist Gründerin und CEO von Future-Law, der führenden unabhängigen Plattform für Legal Tech und Digitalisierung im Rechtsbereich in Österreich. Das Legal Tech Barometer 2026 wurde gemeinsam mit LexisNexis, Dilitrust, der Vereinigung Österreichischer Unternehmensjuristen (VUJ) und der Österreichischen Notariatskammer erhoben. Weitere Informationen: www.future-law.at

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