Die digitale Transformation der Rechtsbranche – Interview mit Markus Fellner

Die digitale Transformation der Rechtsbranche – Interview mit Markus Fellner

Die Zukunft der Rechtsbranche
Wie wird die Rechtsabteilung im Bereich Banking & Finance in den nächsten Jahr(zehnt)en aussehen? Dieser Frage gingen wir gemeinsam mit unserem Banking & Finance Kooperationspartner fwp, LexisNexis und MindTake im Rahmen einer Studie mit Fokus auf Legal Tech nach. Die Resultate wurden im Rahmen unserer hochkarätig besuchten Veranstaltung am 21. Januar 2020 präsentiert. Im Interview mit fwp Partner Markus Fellner gehen wir nochmals auf die wichtigsten Studienergebnisse sowie auf die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung im Rechtsbereich ein.
1. Welchen Digitalisierungsbedarf sehen Sie bei Ihren Mandanten im Banking- und Finance Bereich? Ich möchte nicht von Digitalisierungsbedarf, sondern eher von Digitalisierungs- Chancen sprechen. Wie die meisten Unternehmen stehen Banken unter enormem Zeit- und Kostendruck. Richtig gemachte Digitalisierung bringt Effizienzgewinne und damit die Möglichkeit, sich im Bankenumfeld wieder auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren, die in einer Welt der Überregulierung einer Branche leider schon lange in den Hintergrund gerückt sind. Große Chancen sehe ich beispielsweise in folgenden Bereichen:
  • Regulatory, beispielsweise beim Meldewesen (Schnittstellen-Optimierung mit den Plattformen der Bankenaufsicht); einheitliche Schnittstellenstandards könnten hier für alle Finanzmarktteilnehmer zu einem wesentliche Einsparungspotential führen
  • Vertragsgestionierung (beispielsweise die Fristenverwaltung und Implementierung von Alertsystemen bei Finanzierungsverträgen)
  • Vertragserstellung (eingeschränkt) auf Basis von tailor made Finanzierungsverträgen (hier ist das Kooperationspotential für die Zusammenarbeit bei der Erstellung maßgeschneiderter Templates enorm) und
  • Portfolioanalysen (z.B. im NPL Bereich) durch Analysetools wie beispielsweise Luminance (allerdings ist das Training der Tools immer noch extrem aufwendig und wir sehen diese Anwendung auch bei großen internationalen Sozietäten noch in den Kinderschuhen, erschwerend kommt hinzu, dass etablierte Analysetools derzeit primär auf die englische Sprache fokussiert sind).
Gänzlich in den Kinderschuhen und aufgrund fehlender klarer regulatorischer Rah- menbedingungen mit größter Vorsicht anzuwenden ist hingegen Prozessoptimierung und -beschleunigung mit Hilfe von Blockchain-Technologie (auf Basis Cloud-Lösung und Rollen-/Rechtekonzept). Die Anwendung sämtlicher digitaler Lösungen muss allerdings zwingend mit dem entsprechenden rechtlichen Rahmen einhergehen, beispielsweise
  • entsprechend ausgewogene Risikoverteilung bei der Anwendung gemeinsamer Schnittstellenstandards im Aufsichts- und Meldewesen, aber auch im Interbankenverkehr
  • Anpassung der Haftungsregelungen für Facility- und Security Agents bei der Anwendung digitaler Lösungen bei der Vertragsgestionierung und
  • Abfederung von Transaktionsrisiken bei (teil-)digitalisierten Portfolioanalysen.
2. Was macht Ihre Mandanten im Banking- und Finance Bereich so beson- ders? Technologische Entwicklung lebt davon, dass sie sich (zunächst) in einem nicht re- gulierten Umfeld entwickelt. Anders gesagt: die Technologie lebt davon, dass sie sich in einem nicht regulierten Umfeld entwickelt und die Besonderheit der Bank- und Finanzbranche liegt nunmehr darin, dass die Regulierung scheinbar mit den (notwendigen) technologischen Entwicklungen im Widerspruch steht. Im Rahmen der Studie wurde daher auch der Einfluss neuer Geschäftsmodelle res- pektive neuer Player auf die Bankenbranche eruiert. Den Einfluss neuer Player wie FinTechs und RegTechs schätzen mehr als ein Drittel der Befragten als sehr stark ein. Mehr als 70 Prozent glauben zudem, dass diese neuen Geschäftsmodelle den Bankenmarkt erobern werden.
Eine Transaktion, die diesen Trend unterstreicht ist beispielsweise die vor wenigen Wochen veröffentlichte Akquisition von Plaid durch Visa für USD 5,3 Mrd., ein auf Connectivity spezialisiertes Silicon Valley Start-up, das u.a. für Kunden (Unterneh- men) Echtzeit-Abfragen auf eine Vielzahl von Konten ermöglicht. Wie derartige Systeme in den europäischen Zahlungsmarkt integriert werden – vor allem Themenstellungen aus dem Bereich des Persönlichkeits- und Datenschutzes sowie insbesondere in Österreich im Bereich des Bankgeheimnisses – bleibt spannend.
3. Welche Herausforderung sehen Sie in der zukünftigen Zusammenarbeit? Das Ergebnis der Studie zeigt deutlich, dass auch in der Bank- und Finanzbranche beispielsweise Standardverträge bereits mit Hilfe von Tools sehr schnell und einfach erstellt werden können. Durch Artificial Intelligence (AI) und dem Einsatz von Legal Tech Anwendungen werden in Zukunft auch einfache Due Diligence-Prozesse in- house abgedeckt werden können. Das verbreiterte Angebot von Rechtsdatenbanken und Recherche-Tools ermöglich den Rechtsabteilungen einen schnelleren Zugriff und vor allem präziseren Zugang zu Informationen und zur Judikatur. Als fwp müssen wir uns nicht umstellen, wenn es um Commodity geht. Unser Selbstverständnis war immer, wirtschaftlich sinnvolle Lösungen für Spezialfragen bereit- zustellen, sodass wir beispielsweise den Einsatz digitaler Lösungen für die Vertragserstellung nicht als Beschränkung, sondern als Erweiterung unseres Beratungsfeldes sehen. Das Einzelrisiko bei der Vertragsgestaltung wird durch digitale Lösungen zu einem Klumpenrisiko und so sehen wir bereits jetzt – nach einer Phase der Orientierung, die sich auf technische Aspekte konzentriert hat – den Bedarf nach einer begleiten- den Implementierungsberatung bei digitalen Lösungen, die gerade der Realisierung dieses Klumpenrisikos vorbeugen soll. Die große Herausforderung der Bank- und Finanzbranchen (im Besonderen) liegt aber weiterhin darin, dass derzeit viele verschiedene digitale Lösungen angeboten werden, die sich je nach Zahl der Interessenten und Auftragnehmer langsamer oder rascher entwickeln. Für bestimmte Kernanwendungsbereiche haben sich in ver- schiedenen Branchen schon in der Vergangenheit Standards etabliert, deren Erfolg in einer weit verbreiteten Akzeptanz auf verschiedenen Produkt- und Entwicklungs- stufen liegt. Ein besonders bekanntes Beispiel (aus einer anderen Branche) ist SAP für die Warenwirtschaft. Eine der Herausforderungen der Bank- und Finanzbranche ist es daher aus meiner Sicht, Bereiche zu identifizieren, die die gesamte Branche betreffen und daher Interaktionen zwischen den verschiedenen Finanzmarktteilnehmern erfordern. In der Etablierung gemeinsamer Standards (digitaler Lösungen) für bestimmte Teile dieser Interaktionen liegt meiner Meinung nach einerseits eines der erheblichsten Effizienz- und damit Einsparungspotentiale, andererseits auch die Chance in der Hebung der Rechtssicherheit bei der Transaktionsabwicklung.
4. Gemäß unseren Studienergebnissen wird sich die Zusammenarbeit zwischen Anwälten und Rechtsabteilungen aufgrund der Digitalisierung etwas ändern. Was wird sich Ihrer Meinung nach ändern, was bleibt gleich? Ich glaube, dass sich viel im Sinne der Kommunikation ändern wird, nämlich Kommunikationsmittel und –art. Es werden gemeinsame Kommunikationsstandards ent- wickelt werden. Gleich bleibt bei der High-End Beratung, dass der Anwalt die Dienst- leistung an die Bank erbringen kann. Bei der Commodity wird es bestimmt eine engere Verschränkung mit der Bank geben, weil hier vor allem durch die Digitalisie- rung und durch den Einsatz von IT gemeinsam das Know-how gebündelt werden kann, um Kosten und Effizienzeffekte zu steigern. Was wäre denn aus Ihrer Sicht ein Commodity-Thema? Commodity-Themen sind Retail-Kreditverträge, Hypothekar-Kreditverträge an Private, Liegenschaftsfinanzierungen und Forderungsbetreibungen. Hierbei handelt es sich um Commodities, bei denen Anwälte Know-how bieten und gleichzeitig Banken davon profitieren können.
5. Haben Sie Sorge, dass Sie künftig durch einen sog. Robo-Anwalt ersetzt werden könnten? Ich persönlich bin keineswegs besorgt, da ich nur in der High-End Beratung tätig bin. Weder für fwp noch für Anwälte als solche habe ich Sorge, da es meines Erachtens lediglich eine Verschiebung von einem sehr administrativ-personallastigen Anwaltsbüro in ein juristisch-lastiges Anwaltsbüro geben wird, im Rahmen derer die tatsächliche Dienstleistung der Juristerei angebunden werden wird. Die rechtlichen Herausforderungen, mit denen man gerade in einer Wirtschaftssozi- etät tagtäglich konfrontiert wird, sind viel zu komplex und individuell, dass sie kom- plett von digitaler Automation übernommen werden können. Das ist gerade die Kompetenz eines Juristen, der sich als individueller Rechtsberater versteht: Standardlösungen erarbeiten, das können viele. Für Mandanten genau die richtige Lösung zu finden und dabei auch Facetten im Blick zu haben, die sogar den Legal Tech- Algorithmen entgehen und in den riesigen Datensätzen überhaupt nicht auftauchen, weil sie auch etwas mit Empathie zu tun haben, ist und bleibt die Königsdisziplin des Juristen. Sich dabei digitaler Techniken zu bedienen, ist dabei essentiell. Somit wird auch Digital-Know-how zum Erfolgsfaktor.
6. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Digital Natives in Ihrer Kanzlei? Die erste Generation der „Digital Natives“ befindet sich meiner Erfahrung nach ge-rade noch in der Ausbildung. Dass diese Generation der Digitalen Natives erst heranwächst, bedeutet Chance und Verantwortung zugleich. Wir setzen weiterhin schwerpunktmäßig darauf, dass jeder unserer Mitarbeiter ein solides juristisches Fundament hat, insbesondere auch, um die potentiellen Risken des Einsatzes digitaler Lösungen richtig erfassen zu können und um die richtigen rechtlichen Rahmenbedingungen sicherzustellen. 7. Was werden Ihre Mitarbeiter künftig können müssen? Welche Qualifikationen werden künftig benötigt? Unsere Mitarbeiter werden wie bisher schon sehr stark auf standardisierte Lösungen eingeschult werden – auf Effizienzsteigerungen, auf Verwendung von Know-how in der Kanzlei, nicht immer „from scratch“ alles zu recherchieren, sondern aus einer existierenden Datenbank mit Beschlagwortung und Analysetools herauszuarbeiten, wann einzelne Gruppen bereits in diesen Bereichen gearbeitet haben, um dies zu verwerten und dann entsprechend effizient und günstig anzubieten. Das Ergebnis der Studie zeigt deutlich, dass in erster Linie, nämlich 82,4 Prozent unternehmerisches Denken als wichtigste Qualifikation der Rechtsabteilung gesehen wird. Die juristische Ausbildung wird hingegen bereits gleich hoch mit Digitalisierungskenntnissen gesetzt. Gefolgt von IT-Kenntnissen zeigt die Auswertung deut- lich, dass die Digitalisierung unsere tägliche Arbeit als Rechtsanwälte unterstützt, aber diese nicht bestimmt. Daher wird neben juristischem Know-how auf höchstem Niveau, unternehmerischen Denken und Digitalisierungskenntnissen auch die Projektmanagement- und Führungskompetenz weiter zunehmen. Wir bedanken uns recht herzlich bei Markus Fellner für seine Zeit und seine interessanten Antworten! Ihr Future-Law Team, Sophie Martinetz & Sophie Werner PS: hier geht es zum Download der Studieund hier entlang, wenn Sie noch mehr über den Bereich Banking und Finance bei Future-Law wissen wollen   Sophie Werner