Digitalisierung als Chance nutzen — Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt die Rechtsbranche zu digitalisieren und welchen Vorteil hat Legal Tech für Rechtsanwälte wie Klienten? – Gastbeitrag Manz

Autor: Wolfgang Pichler, Geschäftsleitungs-Freigeist Business Development – Prokurist| Manz

 

Die gegenwärtige Pandemie zwingt uns förmlich dazu, Kommunikation zu verlagern. Wenn der klassische Mandantentermin nicht stattfinden kann, braucht es eine Alternative. Das ist die Stunde der Digitalisierung. Zwei Schlüsselthemen möchte ich in diesem Zusammenhang ansprechen:

 

Kundenworkflow.

Das Erstgespräch zwischen Advokat und Mandant kann in vielen Fällen formularbasiert abgewickelt werden. Sei es, dass die Eingabe in einen bot (einen Fragebogen auf der Kanzleiwebsite) das Gespräch überhaupt ersetzt, oder – häufiger – das folgende Gespräch (neudeutsch jetzt: den call) vorbereitet. Das hat nicht nur den Vorteil, dass der Akt für den Anwalt schon vorbereitet ist; vielmehr liegt hierin auch das Samenkorn für einen digitalen, transparenten Workflow. Der Mandant kann natürlich nicht direkten Zugriff auf das Kanzleimanagementsystem bekommen; aber ein dashboard kann ihn jederzeit über den Arbeitsstand, Termine, Kommunikation und Kosten informieren.  Das ist keine technische Herausforderung und spart Urgenzanrufe und böse Überraschungen. Im Bereich der Immoblilienentwicklung sind solche Systeme schon Beinahe-Standard.

 

Außerdem bietet die digitale Kommunikation mit dem Mandanten die Möglichkeit des gemeinsamen Arbeitens an Dokumenten. Der Versand und Rückversand von unzähligen E-Mail-Attachments kann dadurch reduziert werden.

 

Standardisierung.

Sobald die (Erst-)Kommunikation mit dem Mandanten formularbasiert abgewickelt wird, ist es bis zur Standardisierung nicht mehr so weit. Das gilt jedenfalls für das „typische“ Geschäft einer Kanzlei; also z.B. Mietrecht oder Familienrecht oder Arbeitsrecht. Regelmäßig steht am Beginn einer Causa ja entweder ein Aufforderungsschreiben oder ein Antwortschreiben oder der Entwurf für eine Vereinbarung. Dabei wiederholen sich die Sachverhalte natürlich, und das ist der beste Boden für eine (Teil-)Standardisierung und damit auch (Teil-)Automatisierung. Man muss das nicht einmal zwingend selbst machen, erste Angebote gibt es auch auf dem freien Markt.

 

Viele Juristen hegen hier Vorbehalte, weil sie fürchten, dass die Kanzleiidentität verloren ginge. Das mag ein Stück weit richtig sein. Aber dem stehen doch mindestens zwei große Vorteile gegenüber: Effizienzgewinn und Fehlerfreiheit. Wenn alle Mitarbeiter einer Sozietät auf ein- und dieselbe Vorlage zugreifen, dann muss sie diese Vorlage auch nur an einer einzigen Stelle warten. Das Risiko der Verwendung veralteter Schimmel ist damit abgesichert.

 

Was könnte dagegen sprechen?

In der Literatur ist immer wieder die Rede von der Furcht vor dem Verlust der Aura des „bespoke lawyering“. Gleichzeitig klagen aber geraden die amerikanischen Großkanzleien darüber, dass die Klienten längst nicht mehr bereit seien, ihre zeitbezogenen Honorarforderungen zu erfüllen. Auch das Alternativmodell der Honorarpauschalierung ist aber mandantenseitig nicht unbestritten, da häufig ein schlechtes Gefühl zurückbliebe. Digitalisierung des Anwalts-Mandanten-Workflows führt automatisch zu höherer Transparenz, und diese ist wohl ein Gebot der Stunde.