Entwicklung einer Vergabeplattform: „Der Weg ist kein gerader“

Das Vergaberecht ist von vielen kurzfristigen Informationen gekennzeichnet, die es laufend zu analysieren gilt. Was wäre, wenn man diese kurzfristigen Daten sammelt, verknüpft und an einem Punkt bündelt? Und was wäre, wenn man aus früheren Vergaben lernen könnte? Genau mit diesen Fragen beschäftigte sich Martin Schiefer, Gründer von der Vergaberechtskanzlei Schiefer Rechtsanwälte. Das Resultat, die Vision einer intelligenten Vergabeplattform, die genau diese Gedanken in der Praxis umsetzt.  Legal Tech Times sprach mit dem Vergaberechtsexperten über den Entwicklungsprozess, den Mehrwert der Plattform für die Kund*innen und unerwartete Herausforderungen.

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Die ersten Schritte und Erkenntnisse

Aber zurück zum Anfang: Welche Schritte mussten für die Realisierung des Projekts gesetzt werden? Zuallererst ging es an die Zusammenstellung des Expert*innenteams. Dieses bestehe aktuell aus drei Personen: Einem Programmierer, der sich vordergründig mit Algorithmen beschäftigt und schon seit Jahren Teil von Schiefers Netzwerk sei, einem ehemaligen Manager, der die Bieterseite gut kenne, und Schiefer selbst, der seine Expertise über die Auftraggeberseite mitbringe. Gesamt gesehen sei es ein „sehr spannendes Match“, das die Beleuchtung aller relevanten Aspekte des Themas ermögliche.  Darüber hinaus habe es einen intensiven Austausch mit jungen Menschen und der Startup-Szene gegeben. „Die Gespräche mit jungen Menschen und

Personen aus der Startup-Szene waren für uns aufgrund der unterschiedlichen Zugänge und Blickwinkel sehr spannend und wertvoll“, beschreibt Schiefer die Zusammenarbeit.

Auf die Frage, ob es im Laufe der Projektentwicklung zu Erkenntnissen kam, erklärte Schiefer „Durch eine langfristige Sammlung von Informationen, entsteht ein großes Datenkonstrukt, welches es zu vernetzen gilt. Wir mussten feststellen, dass selbst Spezialist*innen und Großkanzleien nicht in der Lage sind, ein solches Ausmaß an Daten miteinander zu vernetzen. Deshalb haben wir frühzeitig auf künstliche Intelligenz (KI) gesetzt“. Die Entwicklung der KI wurde vom Programmierer des Teams und dem Kooperationspartner Austrian Institute of Technology (AIT) gemeinsam durchgeführt. Die Kombination aus Privatwirtschaftler und Forschungsinstitut befruchte das Vorhaben zunehmend und gebe dem Projekt eine weitere interessante Komponente.

Bevor das Team mit der Programmierung starten konnte, wurden die Prozesse skizziert. Hier gab es eine wesentliche Erkenntnis: Man muss Digitalisierung anders denken. „Wir designten die Abläufe unseren Vorstellungen entsprechend, im Laufe der Produktentwicklung haben wir dann aber doch mehrmals eine andere Richtung eingeschlagen“. So habe sich die ursprüngliche Zielgruppe „zur Gänze gewandelt“.

Doch um welche Prozesse ging es genau? Primär um den Hauptprozess, der auf Basis der Kund*innenperspektive durchlaufen und evaluiert wurde. Der Prozess habe fünfmal neu gedacht werden müssen, um ihn zu perfektionieren. Das sei auf Basis von umfassenden Kund*innenbefragungen und Gesprächen geschehen, die eine komplett andere Zielgruppe ergaben als anfangs erwartet. „Der Weg ist kein gerader. Das ist keine Autobahn. Das habe ich lernen müssen. Er ist vielschichtig, so wie ein Fluss, der sich über eine Landschaft zieht. Hin und wieder bleibt er mal kurz stehen, dann fließt er doch wieder weiter. Man braucht Geduld“, weiß Schiefer.

Die größten Schwierigkeiten im Rahmen des Projekts hätten die Förderungen dargestellt. Zwar habe das Unternehmen den Vorteil gehabt, sich den Start selbst finanzieren zu können, dennoch sei die Generierung von Informationen über die Förderungen sehr mühsam gewesen. Die Problematik – für eine Fördergesellschaft war der Projekt-Fortschritt zu weit, für eine andere zu wenig weit gewesen. Außerdem sei die Prozessabwicklung mit viel Bürokratie verbunden. „Alle reden von der Digitalisierung, wollen die Verwaltung vereinfachen und diese beschleunigen. Ist man auf der Anwendungsebene angekommen, dann ist es nicht immer so“, zeigt sich der Vergaberechtsexperte enttäuscht.

Wie geht’s weiter?

Aktuell sei das Projekt in der Beta-Phase und werde von ausgewählten Unternehmen getestet. Bislang gebe es für die Plattform „sehr gutes“ Feedback. Ein Zeichen, dass man auf dem richtigen Weg sei und die Erwartungen, die das Team an das Produkt hat, vom Markt bestätigt werden.

Das heißt, es gebe schon jetzt eine „dick gefütterte“ Datenbank, die mit einem Redaktionssystem versehen ist, während der Algorithmus weiter lernt und verfeinert wird. Wichtig dabei seien die Fragen, die man dem Redaktionssystem stellt. Denn umso präziser die Inputs, desto besser die Outputs. Aktuell werden die Ergebnisse noch einmal manuell redigiert, damit die Maschine aus den Erfahrungen der Anwender*innen lernen kann. „Wir ernten einmal die ganzen Daten und müssen die auch entsprechend ins Lager bringen, bzw. in die richtige Schublade legen. Um ein Langzeitgedächtnis zu entwickeln, schauen wir im Moment noch drüber. Eine ‚doppelte Qualitätssicherung‘ also. Ich sage immer, die Daten sind nicht die wirkliche Währung, die analysierten Daten sind die Währung“, erklärt der Anwalt.

Auf die Frage, ob Schiefer das Projekt noch einmal machen würde, folgt, ohne zu zögern ein: „Ja“ mit dem Nachsatz: „Ich würde es vielleicht noch früher machen“. Warum das so ist? Der Anwalt sei sehr neugierig und wisse, dass man die Entwicklungen am Markt nicht aufhalten könne. Als Beispiel nennt er die schnelle Entwicklung und Marktdurchdringung der Smartphones. So werde sich auch der Rechtsbereich „massiv verändern“. Erste Anzeichen dafür seien zum Beispiel die Entwicklungen in der Automatisierung von Verträgen.