Human in Command ist der neue Mindeststandard
mit Sophie Martinetz
5. Februar 2026
Ein Interview mit Sophie Martinetz, Legal Tech-Expertin und Gründerin von Future-Law, über die KI-Revolution im Legal Tech, Milliarden-Investments und warum Juristen ihre Kommunikation überdenken müssen
Future-Law: Sophie, eure KI-Map zeigt eine beeindruckende Entwicklung im Legal Tech-Bereich. Wo stehen wir gerade beim Thema KI im Rechtsbereich?
Sophie Martinetz: Wir sehen bei der KI-Map naturgemäß vor allem das Thema KI im Legal-Bereich exponentiell wachsen. Überraschung? Nicht wirklich. Für uns Juristen ist KI besonders wichtig, da wir alle – seien wir ehrlich – zu Tode effizient sein müssen. Es geht darum, dass wir
unsere eigene Produktivität noch einmal signifikant heben können.
Future-Law: Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie KI die Produktivität von Juristen steigert?
Sophie Martinetz: Hier gibt es unterschiedliche Produktivitätcases – ein sehr einfacher ist zum Beispiel, juristische Gedanken, Inhalte und komplexe Themen relativ schnell in eine Form zu bringen, die ein nicht-juristisches Sprachniveau erfordert. Das bedeutet natürlich nicht, dass andere Menschen die Dinge nicht verstehen können, aber wir wissen, dass alle wenig Aufmerksamkeit und Zeit haben, Dinge zu lesen.
Im Sinne eines Sender-Empfänger-Kommunikationsmodells geht es also darum, dass Juristen und Juristinnen sich verständlich machen – denn wir wissen, dass nur sieben Prozent der Informationen sowieso bei den Empfängern hängen bleiben. Deshalb ist es besonders
wichtig, hier in einfacher Sprache – sei es für das Vorstandslevel, sei es für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – das so zu gestalten, dass diese es verstehen und auch wissen, was zu tun ist.
Dafür kann sich KI besonders gut eignen. Es gibt viele Jurist:innen, vor allem In-House, die sich so zwei Mal am Tag 15 Minuten sparen – das sind in der Woche schon 2,5 Stunden und im Monat mehr als ein ganzer Arbeitstag.
Future-Law: Worauf müssen Juristen bei der Auswahl von KI-Tools besonders achten?
Sophie Martinetz: Das ist ein extrem wichtiger Punkt. Bei der Auswahl eines geeigneten KI-Tools muss man genau darauf achten, welche Sicherheitsvorschriften vorliegen. Es ist klar, dass ein Gratis-Tool, das ich natürlich mit meinen Daten bezahle, nicht unbedingt das Richtige ist, um juristisch zu arbeiten.
Hier ist es wichtig, auf die klaren Themen wie Sicherheit, ISO-Zertifizierungen, Server-Standorte zu achten und vor allem für Anwälte und Anwältinnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch noch einmal die standesrechtlichen Komponenten anzusehen und durchzugehen. Das obliegt natürlich jedem Anwalt, jeder Anwältin – hier ist auch klar zu sagen, dass Mandanten und Mandantinnen sich eigentlich darüber keine Gedanken machen wollen, ob die Anwälte hier eine compliant Solution einsetzen, sondern darauf vertrauen.
Future-Law: Wie hat sich der Legal Tech-Markt im DACH-Raum entwickelt?
Sophie Martinetz: Wir sehen ein großes Wachstum, wobei wir sehr selektiv sind mit den Legal Tech- und KI-Lösungen, die wir auf der Map aufführen. Die Liste aller KI-Möglichkeiten wäre fast unendlich (lacht) – im Ernst, jedenfalls sehr, sehr groß. Wir haben mittlerweile fast 500 Provider erfasst – das ist eine Vergrößerung um 150 Anbieter zu 2024, die wir hier sehen.
Was wir weiters beobachten, ist auch, dass sich große Anbieter in Europa durchsetzen, also mit den europäischen Datenschutzkonzepten und dem Hosting in Europa. So sehen wir – und ich möchte nur dieses eine Startup kurz herausheben – Legora als erstes Unicorn und höchstbewertetes Legal Tech-Start-Up in Europa mit 1,8 Milliarden Dollar Bewertung (und einem Investment von 250 Millionen Euro).
Future-Law: Was bedeutet das für die Branche?
Sophie Martinetz: Das bedeutet, dass wir hier über ernsthafte und immer höhere Investments
sprechen. Es geht also nicht mehr darum, ob das kleine oder große Anbieter sind, sondern darum, dass der Bereich Legal Tech als großer Markt erkannt wird. Dieser Markt wird auch von
der Investorenszene entdeckt. Das ist gut für Juristen und Juristinnen, denn das bedeutet immer mehr Tools, die entwickelt werden.
Future-Law: Welche konkreten Anwendungsbereiche sehen Sie in der aktuellen KI-Map?
Sophie Martinetz: Sie haben unterschiedliche Bereiche in der KI-Map – sei es das Thema Dokumentenerstellung. Ich persönlich finde, dass das durchaus nicht immer mit generativer KI erfolgen kann, sondern auch mit regelbasierten Systemen funktioniert. Wir haben das Thema Dokumenten-Review und -Analyse und viele andere. Die organisatorischen Fragen, die sich
daraus ergeben laden zum Nachdenken ein: Wie organisiert sich eine Anwaltskanzlei? Wie gehe ich mit meinem Wissen um? Wie gehe ich mit meinen Verträgen um? Wo macht der Einsatz von KI in der Rechtsabteilung Sinn? Wie gehe ich mit der Recherche um? Wobei ich zum Thema Recherche noch einmal betonen möchte: es ist ganz wichtig zu verstehen, dass allgemeine Tools und LLMs ein Legal-Recherche-Tool nicht ersetzen, sondern für Recherche wirklich auf den richtigen Content die richtigen Inhalte zugegriffen werden muss.
Wir sehen Contract Lifecycle Management-Angebote für Rechtsabteilungen, dann haben wir das Thema E-Billing, Intellectual Property und andere spezielle Bereiche. Bereiche wie Prozessführung – also wie führe ich einen Gerichtsfall, einen Gerichtsakt, also Litigation, E-Discovery – sind natürlich nicht für alle Juristen und Juristinnen interessant.
Future-Law: Stichwort menschliche Kontrolle: Wie wichtig ist das beim Einsatz von KI?
Sophie Martinetz: Am Ende ist für 2025 eines klar: „Human in the Loop“ reicht nicht mehr – es muss „Human in Command“ sein. Das ist der minimale Konsens, den es für den Einsatz von KI in der Juristerei gibt. In diesem Sinne wird auch unser zukünftiges Zertifizierungsprogramm bei Future Law zur Schulung im Umgang mit KI und dem KI-Act ausgerichtet sein.
Weitere Aspekte zeigen sich, sobald ich als Rechtsabteilung oder Kanzlei meine eigenen Daten einsetzen kann – hier kann ich auf mein eigenes Wissen gut zugreifen.
Was sehen wir nun an der Legal Tech KI-Map im DACH-Raum? Wir beobachten, dass man in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor allem in bestehenden Tools eine Vergrößerung sieht. Tools für Rechtsabteilungen integrieren nun automatisch KI-Funktionen, Tools für Rechtsanwälte tun das ebenfalls.
Future-Law: Was ist Ihr Fazit zur aktuellen Entwicklung?
Sophie Martinetz: Die Botschaft ist eindeutig: KI ist kein Hype mehr, sondern eine geschäftskritische Realität. Wer handelt, hat nun eine Auswahl, muss auch das Richtige tun – mit den entsprechenden Sicherheitsstandards, der nötigen Expertise und immer mit dem Menschen am Steuer.
Über Sophie Martinetz:
Sophie Martinetz ist Gründerin und CEO von Future-Law und eine der führenden Expertinnen für Legal Tech im deutschsprachigen Raum.
Sie kennt die Bedürfnisse, Chancen, Risiken und Zukunftsherausforderungen der Rechtsbranche wie keine Zweite. Dafür wurde Sie 2021 als Brutkasten-Innovator of the Year nominiert, als Women of Legal Tech 2020 ausgezeichnet und gewann im selben Jahr auch noch den European Tech Women Award. Nach einer internationalen Karriere in Berlin und London kehrte die ausgebildete Juristin mit 15 Jahren Erfahrung im internationalen Management und Expertise in Digitalisierung nach Wien zurück und gründete 2017 Future-Law.
