KI-Agenten im Einsatz bringen Legal und Business zusammen

Lesezeit: 6 Minuten


Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis der Single Use Support GmbH von DR. JASMIN HINTNER (General Counsel, Single Use Support GmbH)

Wie man sich einen eigenen KI-Agenten als Rechtsabteilung baut und für das Business einen echten Mehrwert schafft.

Wer kennt es nicht: NDAs stapeln sich, E-Mails füllen den Posteingang, und zwischendrin wartet jemand ungeduldig auf die Freigabe, damit das Geschäft starten kann. Jede Prüfung, jede Anpassung, jede Rückfrage verzögert den eigentlichen Deal. Genau hier setzt unser CopilotNDAAgent an – eine schlanke, pragmatische Lösung, die wir in kurzer Zeit gebaut, getestet und im Vertrieb ausgerollt haben.

Und ja: ohne Spezialwissen, mit gesundem Rechtssinn und etwas Mut zum Ausprobieren.

Ich bin Jasmin Hintner, General Counsel der Single Use Support GmbH – und zugleich eine One-Woman-Rechtsabteilung in einem Private Equity-geführten Unternehmen. Dieser Beitrag zeigt, wie wir einen M365 Copilotbasierten NDA Agenten aufgebaut, juristisch „gezähmt“ und erfolgreich in den Alltag integriert haben.

Warum ein NDA-Agent?

NDAs sind wichtig, aber selten hochkomplex. Die Herausforderungen kennen wir: Zeitaufwand, Inkonsistenzen in Formulierungen, Streuverluste bei wiederkehrenden Verhandlungen und das
Risiko, bei Routineaufgaben Bottlenecks in Legal zu erzeugen. Ein KI-gestützter Agent liefert hier dreifachen Nutzen:

  1. Geschwindigkeit: Entlastung in der Erstanalyse, sofortige Vorschläge.
  2. Konsistenz: Entscheidungen entlang klarer „roter Linien“ und Fallbacks.
  3. Nachweisbarkeit: Saubere Dokumentation der Prüfung für spätere Audits.

Unser Setup in M365

Der Agent läuft in M365 Copilot. Zugriff hat nur ein ausgewählter Nutzerkreis, den ich freigebe, um Governance und Qualität sicher zustellen. Der Agent prüft NDAs von Vertragspartnern sowie Markups in unseren eigenen StandardNDAs. Grundlage ist unser zweiseitiges StandardNDA, das als Referenz dient.

Juristisch fokussiert: Vier Risiken, klare Fallbacks

Statt alles zu verregeln, priorisieren wir die vier größten Risiken für unser Unternehmen: Anwendbares Recht, IPRechte, Vertragsstrafen, Übertragbarkeit des Vertrages bei der Veräußerung von Unternehmensanteilen. Zu jedem Risiko kennt der Agent zulässige Fallbacks. Beispiel: Beim Governing Law akzeptieren wir neben österreichischem Recht auch deutsches oder schweizerisches Recht. Der Agent erkennt Abweichungen, erklärt das Risiko, und macht konkrete Klauselvorschläge für akzeptable Alternativen.


So arbeitet der Agent – EndezuEnde gedacht

  1. Analyse des vorgelegten NDA oder des Markups anhand unseres StandardNDA.
  2. RisikoCheck entlang der vier Prioritäten mit Ampellogik (grün/gelb/rot).
  3. Vorschläge: alternative Klauseln und Formulierungen je nach FallbackMatrix.
  4. Next Steps: Der Agent sagt klar, was als Nächstes zu tun ist.
  5. Abschluss: Sind die Bedingungen erfüllt, weist der Agent an zu unterzeichnen und das NDA inkl. Prüfungszusammenfassung an die Rechtsabteilung zu senden – als Nachweis der Prüfung.
  6. Eskalation: Kommt keine Einigung zustande, wird die Rechtsabteilung involviert – was in der Praxis nur in den seltensten Fällen vorkommt

Implementierung: Schnell, pragmatisch, wirksam

Die Erstellung des Agenten hat erstaunlich wenig Zeit in Anspruch genommen. Es braucht keine tiefen IT-Kenntnisse, sondern vor allem die Bereitschaft, sich mit dem Thema zu beschäftigen und einfach loszulegen. Wir haben den Agenten gebaut, zwei Wochen getestet und die Ergebnisse waren so überzeugend, dass unser CEO sofort grünes Licht für den Rollout gab.

Nach einem Training und einer weiteren Testphase im Vertrieb haben wir den Agenten produktiv gesetzt. Vertriebsmitarbeitende erhielten eine Handlungsvollmacht, um NDAs nach erfolgreicher Prüfung selbst zu unterzeichnen.

Das Ergebnis: Die Durchlaufzeit hat sich um sechs bis sieben Stunden pro Woche reduziert. Wir sind schneller, flexibler und die Nutzerzufriedenheit ist hoch, weil Klarheit, Tempo und Autonomie steigen.

Mini-Anekdote aus dem Vertriebsalltag

Freitagnachmittag, 16:45 Uhr. Ein potenzieller Partner schickt ein NDA mit deutschem Recht, einer strengen Vertragsstrafe und einer IPFormulierung, die uns zu weit geht. Statt hektischer Schleifen fragt der Kollege den Agenten. Das Ergebnis: Governing Law ist grün, IP gelb mit einem Vorschlag zur Präzisierung, Vertragsstrafe rot mit einer Alternative ohne starre Pauschale. Zwei Stunden später ist
das NDA einig und unterzeichnet. Legal bekommt die Zusammenfassung automatisch. Wochenende gerettet.


Was Jurist:innen besonders schätzen

  • Transparenz: Der Agent erklärt warum etwas riskant ist und welche Alternativen akzeptabel sind.
  • Standardkonformität: Er bleibt an unserem StandardNDA „angekoppelt“.
  • Ermessensspielräume: Fallbacks sind definiert, nicht beliebig.
  • Selbstwirksamkeit der Fachbereiche: Recht bleibt Leitplanke, nicht Nadelöhr

Callout: NoRegretStart in 30 Tagen – Fahrplan

  • Standard definieren: Ein schlankes, zweiseitiges NDA als Referenz.
  • Top 4 Risiken festlegen – mit klaren Fallbacks.
  • Prompts bauen: Prüfmatrix + Textbausteine + NextStepsLogik.
  • Pilotnutzer bestimmen und Zugriff beschränken.
  • Zwei Wochen testen: echte Fälle, schnelle Iterationen.
  • Freigabe & Rollout: Training + temporäre Handlungsvollmacht.
  • Nachweis sichern: Prüfungszusammenfassung stets an Legal

Governance, aber leichtgewichtig

Wir haben bewusst auf schlanke Governance gesetzt. Zugriff wird über Freigaben in M365 gesteuert. Jede Prüfung erzeugt eine Kurz‑Summary für Legal. Eskalationen gibt es nur bei echten Blockern. Und wir entwickeln den Agenten kontinuierlich weiter – mit neuen Klauselbeispielen, verfeinerten Prompts und Lessons Learned.

Ausblick

Mit dem NDA-Agent haben wir einen machbaren, risikoarmen Einstieg gefunden. Nächste Schritte liegen auf der Hand: mehr Vertragstypen, automatisierte Redlines nach Risikoprofil, Benchmarking von Partner Positionen und Dashboards zur Auswertung. Und wir sind schon dran: Der nächste Agent ist in Arbeit – für unsere Vertriebsverträge. Er wird mit unserem Legal Playbook ausgestattet, soll erste Markups automatisch liefern und Freigabeaufforderungen gemäß unserer Delegation of Authority (DoA) enthalten. Damit gehen wir den nächsten Schritt: von der reinen Prüfung hin zur aktiven Vertragsgestaltung mit klaren Governance-Mechanismen. Wichtig bleibt: klein starten, messen, iterieren.

Fazit

KI im Rechtsbereich muss nicht schwer sein. Mit einem klaren Risikofokus, pragmatischen Fallbacks und guter Governance kann ein CopilotNDAAgent echte Wirkung entfalten: schneller, konsistenter und nachweisbar. Für uns bei Single Use Support GmbH war es der Schritt, Legal vom Bottleneck zur EnablerRolle zu machen – mit spürbaren Effizienzgewinnen und glücklicheren Stakeholdern. Genau so fühlt sich moderne Rechtsarbeit an.


Über die Autorin:

DR. JASMIN HINTNER,


General Counsel, Single Use
Support GmbH


Über Single Use Support GmbH:

Die Single Use Support GmbH mit Hauptsitz in Kufstein, Österreich, ist ein innovatives Unternehmen in der biopharmazeutischen Industrie. Es entwickelt und liefert Lösungen für das Flüssigkeitsmanagement auf Basis von Single-Use-Technologien. Ziel ist es, Produktverluste bei der Handhabung hochpreisiger Wirkstoffe nahezu auf null zu reduzieren. Das Portfolio umfasst sterile Single-Use Komponenten, Plattformsysteme sowie End-to-End-Prozesslösungen – von Bioprozess-Containern über Freeze-&-Thaw-Plattformen bis hin zu ultra-kalten Lager- und Transportlösungen. Mit diesen Technologien unterstützt Single Use Support die sichere, effiziente und nachhaltige Herstellung und den Transport lebensrettender Medikamente.

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