KI in der Rechtsbranche: Von der Vision zur Realität

Lesezeit: 9 Minuten
mit Sophie Martinetz


Von Redaktion Future-Law

Eine Analyse des Legal Tech Barometers 2025

Während wir durch die Ergebnisse unseres neunten Future-Law Legal Tech Barometers blättern, wird eines deutlich: Der digitale Wandel in der Rechtsbranche ist keine Zukunftsmusik mehr, er ist bereits Realität. Was mich besonders erstaunt: Fast 70 Prozent der befragten Juristinnen und Juristen nutzen bereits KI-gestützte Tools, viele davon sogar für ihre inhaltliche juristische Arbeit. Das zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung in einem Berufsfeld, das traditionell eher für seine konservative Haltung gegenüber technologischen Neuerungen bekannt ist.

Seit Jahren beobachten wir bei Future-Law die digitale Transformation in der Rechtsbranche, und mit unserem Legal Tech Barometer erfassen wir systematisch die Entwicklungen, Trends und Herausforderungen. Die diesjährigen Ergebnisse zeichnen ein faszinierendes Bild: Die Spanne zwischen digitalen Vorreitern und jenen, die das Wort „Prompten“ noch nicht in ihrem Wortschatz haben, ist weiterhin groß. Was sich jedoch grundlegend verändert hat, ist die breite Mitte: Etwa 70 Prozent der Befragten, die weder zu den Pionieren noch zu den Nachzüglern zählen, setzen bereits flächendeckend digitale Tools ein und sind größtenteils zufrieden damit.

Die Rechtsbranche im digitalen Umbruch

Bevor wir tiefer in die Ergebnisse eintauchen, lohnt sich ein Blick auf die Teilnehmerstruktur unserer Studie. Mit einer breiten Beteiligung aus Rechtsabteilungen (41,94 %), Anwaltskanzleien (18,28 %), Notariaten (17,20 %), selbstständigen Anwälten (8,60 %), sonstigen Unternehmen (10,75 %) und dem öffentlichen Bereich (3,23 %) bietet das Barometer einen repräsentativen Querschnitt der österreichischen Rechtslandschaft. Besonders bemerkenswert: Über 62 Prozent der Teilnehmenden sind Führungskräfte mit weitreichender Entscheidungskompetenz.

Was treibt die Branche um? Die Herausforderungen haben sich im Vergleich zu früheren Jahren verschoben. Digitalisierung und Technologieeinsatz stehen mit 54,35 Prozent an erster Stelle, dicht gefolgt vom Kostendruck und der Notwendigkeit zur Effizienzsteigerung (53,26 %). Die steigende Arbeitslast bei gleichbleibender Mitarbeiterzahl (34,78 %) verstärkt den Druck zusätzlich. Interessanterweise ist der „War for Talent“ vom ersten Platz auf den vierten (27,17 %) zurückgefallen, die wirtschaftlichen Herausforderungen haben offenbar Priorität gewonnen.

KI-Nutzung: Überraschend weit verbreitet

Die hohe Adoptionsrate von KI-Technologien überrascht selbst uns als Beobachter der Szene. 68,48 Prozent der Befragten setzen bereits KI-Lösungen ein – ein Wert, der vor wenigen Jahren noch undenkbar schien. Dabei wird KI nicht nur für administrative Aufgaben genutzt, sondern in über zwei Dritteln der Fälle (68,82 %) auch für die inhaltlich juristische Arbeit.

Die beliebtesten Anwendungsbereiche sind:

1. Textanalyse, Texterstellung und Zusammenfassung (63,00 %)

2. Legal Research (57,10 %)

3. Wissensmanagement (22,50 %)

Diese Zahlen zeigen klar: Die anfängliche Skepsis gegenüber KI in der juristischen Arbeit weicht zunehmend einem pragmatischen Ansatz. Das bestätigt auch die grundsätzliche Einstellung zur KI: 60,87 Prozent der Befragten betrachten sie als Chance, nur 1,09 Prozent als Bedrohung. 34,78 Prozent sehen sowohl Chancen als auch Risiken – eine differenzierte Haltung, die für die fundierte juristische Denkweise spricht.

Beweggründe für den KI-Einsatz

Was treibt Rechtsabteilungen und Kanzleien zur Nutzung von KI an? Die Antworten sind eindeutig:

  • Effizienzsteigerung (94,50 %)
  • Entlastung von Expertinnen und Experten (67,80 %)
  • Produktivitätssteigerung (64,40 %)
  • Kosteneinsparung (50,00 %)

Interessant ist, dass strategische Aspekte wie „Positionierung und Marketing verbessern“ (14,44 %) oder „Innovative Dienstleistungen bieten“ (21,11 %) deutlich seltener genannt werden. Dies deutet darauf hin, dass KI derzeit primär als Werkzeug zur internen Optimierung und weniger als strategischer Differenzierungsfaktor wahrgenommen wird; eine Sichtweise, die meiner Meinung nach zu kurz greift.

Denn die Erwartungen für die nächsten drei Jahre zeigen, dass die Branche tiefgreifende Veränderungen antizipiert: 84,61 Prozent der Befragten erwarten eine qualitativ hochwertigere Arbeit für Klienten, 66,3 Prozent einen grundlegenden Wandel des Anwaltsberufs. Wer KI jetzt nur als internes Effizienzwerkzeug betrachtet, könnte strategisch ins Hintertreffen geraten.

Implementierungshürden und Herausforderungen

Trotz der hohen Adoptionsrate sind die Hürden bei der Implementierung von Legal Tech und KI nicht zu unterschätzen. Die aufwändige Implementierung (45,16 %) führt die Liste der Herausforderungen an, gefolgt von Cybersicherheits- oder Compliance-Risiken (27, 96%) sowie der Organisation und Durchführung von Trainings (27,96 %).

Bei jenen, die KI bisher nicht einsetzen, zeigt sich ein klares Bild der Hindernisse:

  • Fehlendes Know-how (45,95 %)
  • Fehlendes Budget (43,24 %)
  • Zusatzaufwand bei der Einführung (37,84 %)
  • Rechtliche Bedenken (32,43 %)
  • Widerstand gegen Veränderungen in der Führung (27,03 %)

Besonders das fehlende Budget ist ein kritischer Punkt, den ich aus zahlreichen Gesprächen mit Branchenvertreterinnen und -vertretern kenne. Die Zahlen bestätigen dies: Nur durchschnittlich 3 % der Gesamtkosten werden für Legal-Tech- und KI-Lösungen aufgewendet, während Personal (47 %) und Büromietkosten (13 %) den Löwenanteil ausmachen. Ein Drittel der Befragten (33,33 %) verfügt über kein dezidiertes Budget für Legal Tech. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Solange kein relevantes Budget organisatorisch verankert ist, bleibt der Fortschritt der Digitalisierung schleppend und anlassbezogen.

Stand der Digitalisierung: Eine Momentaufnahme

Betrachtet man den Implementierungsgrad digitaler Lösungen, zeigt sich ein differenziertes Bild. Grundlegende Tools wie Datenbanken und juristische Recherche (73,91 %), Datensicherheit und Datenschutz (59,34 %) sowie zentrale Aktenablage und Dokumentenverwaltung (52,75 %) sind bereits weit verbreitet.

Fortgeschrittenere Lösungen wie Contract Lifecycle Management (15,56 %), Sachverhaltsdarstellung (13,33 %) oder Beteiligungsmanagement (12,09 %) werden hingegen noch zurückhaltender eingesetzt. Dies deutet auf eine klare Priorisierung hin: Zunächst werden grundlegende administrative Prozesse und Recherchefunktionen digitalisiert, während komplexere juristische Arbeitsschritte erst in einem zweiten Schritt technologisch unterstützt werden.

Ein wichtiger Indikator für die Ernsthaftigkeit der digitalen Transformation ist die Governance-Struktur. Hier zeigen sich positive Entwicklungen: 39,78 % der Organisationen haben eine verantwortliche Person für Legal Tech, 16,13 % für Legal Operations und bereits 32,26 % für KI. Dennoch hat ein erheblicher Teil (41,94 %) keine verantwortliche Person für diese Bereiche – eine Lücke, die geschlossen werden sollte, um die Digitalisierung systematisch voranzutreiben.

Kritische Kompetenzen im KI-Zeitalter

Welche Fähigkeiten brauchen Juristinnen und Juristen in einer zunehmend von KI geprägten Arbeitswelt? Die Antworten sind aufschlussreich:

1. Kritische Bewertung von KI-Ergebnissen (70,33 %)

2. Prompting-Kenntnisse (62,64 %)

3. Begeisterungsfähigkeit für neue technische Entwicklungen (60,44 %)

4. Technische Skills (31,87 %)

5. Prozessanalyse-Skills (25,27 %)

Diese Priorisierung halte ich für absolut zutreffend. Die Fähigkeit, KI-generierte Inhalte kritisch zu hinterfragen und zu validieren, ist und bleibt die Kernkompetenz von Juristinnen und Juristen. Gleichzeitig werden Prompting-Kenntnisse – also die Kunst, KI-Systeme gezielt anzusteuern – immer wichtiger.

Doch hier klafft eine erhebliche Lücke zwischen Erkenntnis und Umsetzung: Obwohl Prompting-Kenntnisse als essentiell angesehen werden, haben bislang nur 29,67 % der befragten Organisationen ein entsprechendes Training durchgeführt. Die Selbsteinschätzung der Prompting-Skills liegt auf einer Skala von 0 bis 10 im mittleren Bereich – ein klares Indiz für erhebliches Entwicklungspotenzial.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die Ergebnisse des Legal Tech Barometers 2025 zeichnen das Bild einer Rechtsbranche im digitalen Umbruch. Die hohe Adoptionsrate von KI-Technologien, insbesondere im Bereich der inhaltlich juristischen Arbeit, deutet auf einen fundamentalen Wandel der juristischen Arbeitsweise hin. Die überwiegend positive Grundhaltung gegenüber KI und die klare Erwartung qualitativer Verbesserungen durch den Einsatz dieser Technologien unterstreichen das transformative Potenzial.

Gleichzeitig bestehen weiterhin signifikante Herausforderungen. Die Kluft zwischen der erkannten Bedeutung von KI-spezifischen Kompetenzen und dem tatsächlichen Schulungsangebot erfordert gezielte Maßnahmen. Die fehlende Integration verschiedener Tools und Widerstände gegen Veränderungen benötigen systematische Ansätze im Bereich des Change-Managements und der Kompetenzentwicklung.

Meine Empfehlungen

Basierend auf den Erkenntnissen des Legal Tech Barometers und meinen eigenen Erfahrungen in der Begleitung von Digitalisierungsprojekten möchte ich folgende Handlungsempfehlungen aussprechen:

1. Starten Sie jetzt, aber starten Sie klug.

   Der richtige Moment ist JETZT – es geht darum, einfach mal anzufangen. Viele Tools sind niederschwellig nutzbar und liefern einen echten Mehrwert. Man muss keine IT-Expertin sein, um loszulegen. Warten auf das perfekte Setup, das ideale Tool oder den letzten Business Case bremst Innovation. Wer klein beginnt, sammelt schnell Erfahrung, erkennt Potenziale und baut intern Vertrauen in neue Technologien auf.

2. Investieren Sie in Kompetenzen, nicht nur in Technologie.

   Etablieren Sie regelmäßige Schulungsprogramme für Prompting und kritische Bewertungskompetenz. Schaffen Sie geschützte Experimentierräume, in denen Ihre Juristinnen und Juristen KI-Tools in realistischen Szenarien testen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Learning-by-Doing ist oft effektiver als theoretische Schulungen.

3. Setzen Sie auf ein systematisches Change-Management.

   Entwickeln Sie maßgeschneiderte Kommunikationsstrategien für verschiedene Stakeholder-Gruppen. Identifizieren Sie „Quick Wins“ – KI-Anwendungsfälle mit hohem Nutzen bei gleichzeitig geringem Implementierungsaufwand. Fördern Sie „KI-Champions“ in Ihrer Organisation, die als Multiplikatoren wirken können.

4. Etablieren Sie eine durchdachte Systemarchitektur.

   Priorisieren Sie Lösungen mit offenen Schnittstellen, die eine flexible Integration in bestehende Systemlandschaften ermöglichen. Etablieren Sie klare Grundsätze für Datenqualität, -zugriff und -verwaltung als Grundlage für erfolgreiche KI-Implementierungen.

5. Sichern Sie langfristige Finanzierung.

   Etablieren Sie spezifische Budgets für Legal Tech und KI, um eine nachhaltige Entwicklung in diesem Bereich zu ermöglichen. Kehren Sie ab von kurzfristigen, projektbezogenen Investitionen hin zu einer langfristigen strategischen Investitionsplanung für den digitalen Wandel.

Culture eats strategy for breakfast

Doch bei all diesen technischen und organisatorischen Maßnahmen dürfen wir eines nicht vergessen: Der technologische Fortschritt allein reicht nicht aus. Wie Peter Drucker treffend formulierte: „Culture eats strategy for breakfast“ – die Unternehmenskultur in den Rechtsabteilungen und Kanzleien bleibt nach wie vor entscheidend.

Es braucht mehr als gut gemeinte Strategien oder Investitionen in Softwarelösungen. Es braucht eine Kultur der Offenheit, der Lernbereitschaft und der Neugier. Und auch eine Deckung der Chefinnen und Chefs und ein Budget. Denn genau hier entscheidet sich, ob Legal Tech wirklich in der Breite ankommt oder bloß punktuell bleibt.

Die Erwartung eines grundlegenden Wandels des Anwaltsberufs in den kommenden drei Jahren verdeutlicht die Dringlichkeit, mit der Rechtsorganisationen ihre digitale Transformation vorantreiben müssen. Wer jetzt nicht systematisch in Legal Tech und KI investiert, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren und im zunehmend digital geprägten juristischen Umfeld nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein.

Fazit: Der Wandel ist möglich

Die Rechtsbranche steht an einem Wendepunkt, an dem die erfolgreiche Integration von Legal Tech und KI nicht mehr nur ein Wettbewerbsvorteil, sondern zunehmend eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung der täglichen Herausforderungen wird. Die im Legal Tech Barometer 2025 dokumentierte hohe Adoptionsrate und die überwiegend positive Grundhaltung geben Anlass zur Hoffnung, dass die Branche diesen Wandel erfolgreich gestalten wird.

Natürlich gibt es Herausforderungen – von Budgetfragen über Know-how-Lücken und Datenqualität bis hin zu Change-Management. Doch diese lassen sich bewältigen, wenn der Wille zur Veränderung da ist. Der Nutzen liegt auf der Hand: mehr Effizienz, bessere Qualität, mehr Zeit für das Wesentliche.

Das Legal Tech Barometer 2025 macht Mut. Es zeigt: Der Wandel ist möglich – wenn wir ihn gemeinsam gestalten. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür.

Zu den Ergebnissen des Legal Tech Barometers 2025


Über Sophie Martinetz: 

Sie kennt die Bedürfnisse, Chancen, Risiken und Zukunftsherausforderungen der Rechtsbranche wie keine Zweite. Dafür wurde Sie 2021 als Brutkasten-Innovator of the Year nominiert, als Women of Legal Tech 2020 ausgezeichnet und gewann im selben Jahr auch noch den European Tech Women Award. Nach einer internationalen Karriere in Berlin und London kehrte die ausgebildete Juristin mit 15 Jahren Erfahrung im internationalen Management und Expertise in Digitalisierung nach Wien zurück und gründete 2017 Future-Law.

Sophie Martinetz
Jahres Corporate Partner

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