KI in meiner Rechtsanwaltskanzlei: Zwischen Effizienzgewinn, Experimentierphase und Strategiesuche
von Sylvia Unger
mit Sylvia Unger
20. Juli 2026
Ein Beitrag von Mag Sylvia Unger über den Einsatz von KI in Rechtsanwaltskanzleien.
Wie künstliche Intelligenz meinen Kanzleialltag verändert
Künstliche Intelligenz ist auch in meiner Kanzlei angekommen. Nicht als spektakulärer Umbruch über Nacht, sondern schrittweise und auf Grundlage von pragmatischen Überlegungen im täglichen Arbeiten. Es hat sich in den vergangenen Monaten ein regelrechter „KI-Werkzeugkasten“ entwickelt: ChatGPT, DeepL und LexisNexis AI sind schon länger im Einsatz. Hinzugekommen sind kürzlich Copilot und JuridicAlly. Für BEAMON AI, die vom ÖRAK empfohlen wird, haben wir uns zwar registriert, aber diese noch nicht probiert.
Manche Anwendungen haben sich rasch bewährt, andere weniger. Einige liefern beeindruckende Ergebnisse, andere bleiben hinter den Erwartungen zurück. Und trotz aller technischen Entwicklungen stelle ich mir derzeit primär die Frage: Wie setzt man diese Vielzahl an Tools strategisch sinnvoll ein?
Die ersten Schritte mit KI: Neugier und Pragmatismus
Wie vermutlich viele habe auch ich zunächst mit allgemeinen KI-Anwendungen experimentiert. Der Zugang war dabei weniger von Begeisterung für Technik getragen, sondern vorwiegend von praktischem Interesse: Können diese Systeme tatsächlich Arbeitszeit sparen? Verbessern sie die Qualität oder produzieren sie lediglich mehr Text in kürzerer Zeit?
Rasch zeigte sich, dass KI im Kanzleialltag sinnvoll eingesetzt werden kann – allerdings nicht als Ersatz für juristische Arbeit, sondern als Unterstützung. Entscheidend ist dabei, die jeweiligen Stärken und Schwächen der einzelnen Systeme zu kennen.
Unabhängig davon bin ich fasziniert, wie rasch Large Language Modelle Sprache „produzieren“ können und nebenbei den eigenen Sprachschatz erweitern.
ChatGPT: Der vielseitige Assistent mit Grenzen
ChatGPT war mein Einstieg. Die Einsatzmöglichkeiten sind breit gefächert: allgemeine Fragestellungen, Strukturierung von Gedanken, Formulierungsvorschläge, erste Recherchen oder auch das Zusammenfassen komplexer Inhalte.
Im juristischen Bereich verwende ich ChatGPT allerdings ausschließlich ohne personenbezogene Daten oder vertrauliche Mandanteninformationen. Datenschutz, Verschwiegenheitspflichten und berufsrechtliche Anforderungen setzen dem Einsatz ganz klar Grenzen.
Die Antworten sind oft erstaunlich gut, aber nicht fehlerfrei. Gerade im juristischen Bereich zeigt sich rasch, dass KI-generierte Inhalte, die ja durch statistische Wahrscheinlichkeiten entstehen, kritisch geprüft werden müssen. ChatGPT halluziniert öfters. Zwar hat sich die korrekte Bezeichnung von Gesetzen und Paragrafen inzwischen verbessert, dennoch kommt es weiterhin zu Fehlern – etwa durch nicht existente Judikaturzitate oder falsche Gesetzesverweise.
DeepL: Übersetzungen auf hohem Niveau
Besonders überzeugt hat mich DeepL Translator. Die Qualität der Übersetzungen ist beeindruckend. Gerade bei juristischen Texten sind sprachliche Präzision und stilistische Nuancen entscheidend – und genau dafür liefert DeepL bemerkenswert gute Ergebnisse.
Natürlich ersetzt auch dieses Tool keine Endkontrolle. Dennoch spart es im Alltag erheblich Zeit und verbessert die Qualität der Übersetzungen deutlich. Es macht aber auch etwas „Fremdsprachen-denkfaul“.
Copilot: Große Erwartungen, begrenzte Überzeugung
Deutlich ambivalenter fällt mein Eindruck von Microsofts Copilot aus. Ich nutze Copilot vor allem für organisatorische Themen, etwa bei Fragen zu Word oder zur Erstellung von Leitfäden und Übersichten.
Bei der Erstellung von E-Mails zeigt sich ein kultureller Unterschied in der Kommunikation. Copilot beginnt Nachrichten regelmäßig mit Fragen nach dem Befinden des Empfängers / der Empfängerin. Im US-amerikanischen Sprachraum mag dies üblich sein, in der europäischen Geschäftskommunikation wirkt dies künstlich oder unpassend. Trotz verschiedener Anpassungsversuche ist es mir bisher nicht gelungen, Copilot diesen Stil „abzugewöhnen“. Deshalb verfasse ich E-Mails weiterhin bevorzugt selbst. Gerade anwaltliche Kommunikation lebt von Präzision, dem richtigen Tonfall und persönlicher Handschrift.
LexisNexis AI: Schnellere Recherche mit Kontrollbedarf
Sehr interessant ist die Entwicklung spezialisierter juristischer KI-Systeme. Ich verwende LexisNexis AI. Recherchen werden schneller, erste Orientierungspunkte sind rascher verfügbar und die Arbeitseffizienz steigt. Besonders wichtig ist mir, dass die zugrunde liegenden Quellen abrufbar und überprüfbar bleiben. Gerade im juristischen Bereich ist dies essenziell. Denn eine KI-Antwort ohne nachvollziehbare Quelle ist im anwaltlichen Umfeld nur eingeschränkt brauchbar.
Allerdings zeigt sich auch hier: Nicht jede Antwort ist treffsicher. Manche Ergebnisse sind sehr präzise, andere weniger brauchbar. Die eigentliche juristische Bewertung und Einordnung bleibt weiterhin Aufgabe der Rechtsanwältin oder des Rechtsanwalts. KI verkürzt den Weg zur Information – sie ersetzt aber nicht die juristische Analyse.
JuridicAlly: Der derzeit spannendste Ansatz
Meine bislang spannendste Entdeckung ist JuridicAlly. Entwickelt wurde die Software von einem Innsbrucker Unternehmen, das die Anforderungen laut Checkliste für KI-Anbieter:innen des ÖRAK erfüllt. Die Arbeitsweise von JuridicAlly unterscheidet sich deutlich von klassischen KI-basierten Chatbots.
Zunächst analysiert das System die Inhalte eines bestehenden Aktes. Anschließend werden automatisch Zusammenfassungen, die nächsten Schritte und Timelines erstellt. Bereits diese erste Phase bietet im Kanzleialltag einen erheblichen Mehrwert. Darauf aufbauend können konkrete Fragen gestellt werden. Das System unterstützt etwa bei der Erstellung von E-Mails, Schriftsätzen oder Stellungnahmen. Die Ergebnisse sind überraschend gut und bieten eine brauchbare Grundlage für die weitere Bearbeitung. Gerade bei umfangreichen Akten kann dies Zeitersparnisse bringen. Natürlich bleibt auch hier die anwaltliche Kontrolle unverzichtbar. Die Qualität der Vorarbeit ist bemerkenswert.
KI als Kostenfaktor und als Personalfrage
Mit der zunehmenden Zahl an KI-Anwendungen stellt sich zwangsläufig auch die wirtschaftliche Frage. Diese Systeme sind keineswegs kostenlos. Lizenzgebühren, laufende Abonnements und Implementierungskosten summieren sich.
Gleichzeitig verändern KI-Tools auch Überlegungen zur Personalstruktur. Eine ernsthafte Diskussion in unserer Kanzlei war etwa, aufgrund der Möglichkeiten von JuridicAlly vorerst auf die Aufnahme eines/einer zusätzlichen Rechtsanwaltsanwärters/Rechtsanwaltsanwärterin zu verzichten. Ob sich dieser Effekt langfristig bestätigt, bleibt offen. Derzeit befinden wir uns wohl noch in einer Übergangsphase. Viele Prozesse werden erst erprobt, Erfahrungen gesammelt und Arbeitsweisen angepasst.
Es wäre zu kurz gedacht, KI ausschließlich als Einsparungsinstrument zu betrachten. Die eigentliche Herausforderung liegt vermutlich darin, die Produktivitätsgewinne sinnvoll mit Qualität, Ausbildung und persönlicher Betreuung zu verbinden.
Die Entwicklung zeigt jedoch, dass KI nicht nur ein technisches Hilfsmittel ist, sondern auch organisatorische und wirtschaftliche Konsequenzen mit sich bringt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie junge Juristinnen und Juristen künftig ausgebildet werden sollen, wenn klassische Einstiegstätigkeiten zunehmend automatisiert werden.
Die eigentliche Herausforderung: Eine KI-Strategie
Mittlerweile habe ich vermutlich ausreichend KI-Tools im Einsatz. Woran es allerdings noch fehlt, ist eine klare Strategie: Welches Tool wird wofür eingesetzt? Welche Prozesse sollen automatisiert werden? Wo liegen Qualitätsgrenzen? Welche Arbeiten bleiben bewusst menschlich? Wie wird Wissen intern organisiert? Und wie verändert sich dadurch die Rolle von Juristinnen und Juristen?
Genau diese Fragen werden die Herausforderung der kommenden Jahre sein. Die Einführung von KI ist vergleichsweise einfach. Schwieriger ist es, daraus ein konsistentes und wirtschaftlich sinnvolles Gesamtkonzept zu entwickeln.
Hinzu kommt der Kostenfaktor. Viele KI-Anwendungen arbeiten mit Abomodellen, die sich in Summe durchaus bemerkbar machen. Nicht jedes Tool rechtfertigt dauerhaft seinen Preis.
Mein Fazit: KI wird bleiben – aber anders als erwartet
Die Diskussion über KI wird häufig sehr emotional geführt. Zwischen euphorischen Zukunftsvisionen und apokalyptischen Untergangsszenarien liegt allerdings die Realität des Kanzleialltags.
KI ersetzt derzeit keine juristische Erfahrung, keine strategische Beratung und kein professionelles Fingerspitzengefühl im Umgang mit Mandantinnen und Mandanten. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. Sie verändert aber die Art zu arbeiten. Recherchen werden schneller, Dokumente effizienter vorbereitet und Informationen besser strukturiert. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Kontrolle, Qualitätssicherung, Strategie und Organisation.
Die spannendste Entwicklung ist für mich daher nicht die einzelne Anwendung, sondern die Frage, wie sich anwaltliche Arbeit insgesamt verändern wird. Vermutlich stehen wir hier erst am Anfang.
Über die Autorin:
Mag Sylvia Unger ist seit 25 Jahren Rechtsanwältin und gründete vor 15 Jahren ihre eigene Kanzlei „Unger Rechtsanwälte“ (https://www.unger-rechtsanwaelte.at/). Zuvor war sie in renommierten Wiener Rechtsanwaltskanzleien tätig. Sie hat Rechtswissenschaften in Graz mit einem Auslandssemester in Parma (Italien) und Europarecht in Krems studiert.
Ihre Schwerpunkte liegen im Arbeits-, Gesellschafts-, Vertrags- und Zahlungsverkehrsrecht. Sie ist (Mit)Autorin mehrerer Fachbücher und hält Vorträge zu Zahlungsverkehrs- und Arbeitsrecht. Zudem ist sie Prüfungskommissärin der RAK Wien, Vorstandsmitglied im Klub Wiener Rechtsanwälte und Mitglied im Club Soroptimist Wien Ringstraße sowie im Zukunft.Frauen Alumnae Club.
