KI ist eine Basistechnologie – und die Rechtsbranche muss sie ernst nehmen: ein Interview mit Sophie Martinetz

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Ein Interview von Future-Law

Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in Kanzleien und Rechtsabteilungen – begleitet von großen Erwartungen, aber auch spürbarer Unsicherheit. Im Interview spricht Sophie Martinetz darüber, warum KI kein kurzfristiger Trend, sondern eine grundlegende Basistechnologie ist, welche organisatorischen und rechtlichen Fragen Kanzleien vor dem Einsatz klären müssen und wo heute bereits realer Mehrwert entsteht.


Interviewer:
Frau Martinetz, Sie arbeiten seit Jahren mit Kanzleien und Rechtsabteilungen an Digitalisierungsprojekten. Wie erleben Sie aktuell die Stimmung rund um KI in der Rechtsbranche?

Sophie Martinetz:
Die Stimmung ist widersprüchlich: Es gibt eine große Aufbruchbereitschaft und gleichzeitig eine große Unsicherheit. Viele Kanzleien möchten unbedingt loslegen, sehen das Potenzial sofort – aber dann kommt das „Ja, aber…“. Dieses „Aber“ hat fast immer mit Daten, Verantwortung und rechtlichen Rahmenbedingungen zu tun. KI ist faszinierend, aber sie zwingt Organisationen dazu, ihre eigenen Strukturen ehrlich anzusehen. Und das ist oft der schwierigste Teil.


Interviewer:
Welche zentrale Frage sollten sich Kanzleien stellen, bevor sie KI einsetzen?

Sophie Martinetz:
Die wichtigste Frage lautet: Welche Daten haben wir, wer hat Zugriff darauf – und passt das zu unserer Verschwiegenheitspflicht?
Was viele unterschätzen: KI zeigt nicht nur bisherige Informationen, sie zeigt auch strukturelle Versäumnisse. Wenn Berechtigungen über Jahre gewachsen und nie bereinigt wurden, sieht man das plötzlich glasklar. Deshalb muss man vor dem Einsatz von KI die internen Daten- und Rechtekonzepte durchdenken. Das ist keine technische Übung, sondern echte Organisationsentwicklung.


Interviewer:
Immer wieder kommt die Frage: „Kann man nicht einfach irgendein KI-Tool verwenden, das gerade populär ist?“ Was antworten Sie darauf?

Sophie Martinetz:
Ich sage klar: Nur weil ein Tool gute Ergebnisse liefert, ist es noch lange nicht für Kanzleien geeignet. Die Rechtsbranche hat besondere Pflichten – Datenschutz, Berufsrecht, Geheimhaltung. Kostenlose oder unklare Dienste sind daher fast immer ein Ausschlusskriterium. Die wichtigste Frage ist nicht: „Wie gut ist das Modell?“, sondern: „Ist der Umgang mit meinen Daten vereinbar mit meinen gesetzlichen Pflichten?“
Viele vergessen: Gratis-Tools bezahlt man nicht mit Geld, sondern mit Daten. Und das kann sich eine Kanzlei schlicht nicht leisten.


Interviewer:
Wo sehen Sie die größten realen KI-Use-Cases in Kanzleien? Wo entsteht echter Mehrwert?

Sophie Martinetz:
Dort, wo große Informationsmengen strukturiert, verglichen oder analysiert werden müssen. Beispiele sind:

  • Vergleich von Drittverträgen mit internen Standards
  • Extraktion von Risiken aus umfangreichen Dokumenten
  • Kontextuelle Suche über große Datenbestände
  • Wissenssysteme, die Mitarbeitenden sofort Antworten liefern

Das Spannende: Vieles davon wird heute manuell gemacht und kostet Zeit, die eigentlich niemand hat. KI kann genau diese Aufgaben übernehmen und Anwält:innen entlasten – damit sie mehr Zeit für die strategischen, hochqualifizierten Themen haben.


Interviewer:
Sie betonen oft, dass KI nicht zwangsläufig „magisch“ sein muss. Was meinen Sie damit?

Sophie Martinetz:
Es herrscht oft die Vorstellung, KI müsse immer spektakulär sein. Dabei liegen die größten Effizienzgewinne in unspektakulären, aber häufigen Aufgaben: Standarddokumente, Protokollierung, Recherchen, Wiederauffinden von Informationen.
Eine kluge Automatisierung ist manchmal wertvoller als ein komplexes KI-Modell. Wichtig ist, die richtige Technologie für den richtigen Zweck zu wählen – nicht alles ist ein KI-Problem.


Interviewer:
Wie wichtig ist es, das Team einzubeziehen?

Sophie Martinetz:
Extrem wichtig. Chefinnen und Chefs glauben oft, sie wüssten, wo die Engpässe liegen – aber die wirklichen Zeitfresser liegen im Alltagsteam. Sobald Mitarbeitende KI ausprobieren, entstehen sofort Ideen, die Führungskräfte gar nicht am Schirm hatten.
Ich empfehle immer: Nicht top-down entscheiden, sondern experimentieren lassen. Nach 30 Minuten versteht jede:r die Grundmechanik. Und plötzlich werden Potenziale sichtbar, die man vorher nicht gesehen hat.


Interviewer:
Zum Schluss: Was sagen Sie einer Kanzlei, die sich fragt, ob KI nur ein kurzfristiger Hype ist?

Sophie Martinetz:
KI ist keine Mode. Sie ist eine Basistechnologie, vergleichbar mit dem Internet oder der E-Mail, als sie neu waren. Sie wird die juristische Arbeit verändern – nicht unbedingt laut und spektakulär, aber tiefgreifend.
Die Frage ist nicht, ob man KI einsetzt, sondern wann und wie verantwortungsvoll. Wer heute beginnt, hat morgen Vorteile. Wer wartet, muss später mühsam nachholen.

Ich kann nur sagen: Die Technologie geht nicht mehr weg. Nutzen wir sie klug.

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