„Walk the talk“ – Nur wer selber die Herausforderungen kennt, kann diese auch einschätzen
2. März 2026
Erfahrungen der RTR mit der KI – Ein Interview mit Klaus Steinmaurer (Jurist und Geschäftsführer des Fachbereichs Telekommunikation, RTR) und Dl Thomas Schreiber, LL.M. (Experte für Festnetz- und Internetmärkte, RTR)
Intro:
Die Servicestelle einer Behörde hat einen Chatbot als öffentliches Lernangebot gestartet — nicht um zu überwachen, sondern um Unternehmen praktisch und transparent beim Einsatz von KI zu begleiten. Im verlängerten Gespräch erklären Klaus Steinmaurer und Thomas Schreiber, warum Transparenz zentral ist, wie das technische und rechtliche Setup aussieht, welche Fehler Firmen häufig machen und welche ersten Schritte wirklich etwas bringen.
Future-Law: Warum habt ihr die Servicestelle eingerichtet — und wieso gerade einen Chatbot als erstes Angebot?
Klaus Steinmaurer: Wir wollen Service leisten und zugleich lernen. Wenn wir nur warnen, erreichen wir wenig. Der Chatbot war ein „Quick Win“: ein alltäglicher, sichtbarer Use‑Case, mit dem viele Unternehmen den Einstieg finden. Wichtig für uns war, keinen Black‑Box‑RAG (Retrieval‑Augmented Generation) zu bauen, wie man ihn oft sieht, sondern das System offen zu legen: welche Quellen gezogen werden, wie der Prompt aufgebaut ist, und welche Ausgabe entsteht. So können Nutzer nachvollziehen, warum eine Antwort so zustande kommt — vor allem wenn ein LLM mal halluziniert.
Future-Law: Viele Firmen sind skeptisch gegenüber Chatbots — wie holt ihr Feedback ein und verbessert das System?
Klaus Steinmaurer: Transparenz hilft enorm: Nutzer sind verständiger, wenn sie sehen, wie eine Antwort erzeugt wurde. Wir haben die Datenaufbereitung, Evaluationskriterien und die Performance‑Auswertung intern durchgeführt und dokumentiert.
Thomas Schreiber: So veröffentlichen wir alle technische und rechtliche Einschätzungen und stellen den Code öffentlich auf GitHub — alles offen, damit man sehen kann, wie die Schritte technisch funktionieren. Praktisches Feedback kommt per E‑Mail und Telefon; mit diesen Informationen verbessern wir das System laufend weiter.
Future-Law: Ihr legt Prompt und Quellen offen — überfordert das die User nicht?
Thomas Schreiber: Uns ist nichts bekannt. Die meisten Nutzer wollen vor allem verlässliche Antworten; die Offenlegung schafft Vertrauen und Verständnis für die Antworten. Es ist nicht so, dass jeder Nutzer den Quellcode liest — aber die Möglichkeit zur Nachprüfung senkt die Hemmschwelle und hilft beim Lernen.
Future-Law: Warum traut ihr euch, das öffentlich und experimentell zu machen?
Klaus Steinmaurer: Aus unserer Telekom‑Regulierungs‑Erfahrung wissen wir: Regulierung soll mehr sein als nur Aufsicht — sie kann Märkte gestalten und Wirtschaftsentwicklung ermöglichen. Wir wollen Rahmenbedingungen erklären und gemeinsam mit Unternehmen Lösungen entwickeln. Wenn wir nur warnen ohne Lösungen anzubieten, blockieren wir Innovation. Die EU‑Regelwerke (GDPR, AI Act etc.) sind für mich kein Hemmnis, sondern ein Asset: sie schaffen Rechtssicherheit, auf deren Basis man Produkte entwickeln kann.
Future-Law: Welche Chancen und Risiken seht ihr konkret für Unternehmen — besonders für KMU?
Klaus Steinmaurer: Viele KMU haben Angst vor Transparenzpflichten und sehen nur „Risiko“. In der Praxis sind die Themen oft überschaubar: Transparenzpflichten (z. B. Artikel 50 der AI‑Verordnung), HR‑Anwendungen als flankierende Hochrisikofälle und Anforderungen aus dem Produktsicherheitsumfeld. Die Chance liegt darin, dass Unternehmen, die ihre eigenen Daten und Prozesse kennen, neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln können. Der Nachteil für jene, die die ihre Datenlage ignorieren: Sie werden langfristig Wettbewerbsnachteile haben.
Future-Law: Was sind die Low‑Hanging‑Fruits — wo sollten Firmen beginnen?
Thomas Schreiber: Drei pragmatische Einstiegspunkte: Wissensmanagement: Dokumente auffindbar machen, Inhalte zusammenführen — das bringt sofort Mehrwert. Klingt langweilig und bedeutet kurzfristig Aufwand ist aber sehr effizient langfristig.
Klaus Steinmaurer: Interne Use‑Cases: Standardisierte Prozesse eignen sich gut für den schnellen Einsatz entsprechender Tools. Prozess‑ und Dateninventur: Top‑down durch den CEO anstoßen — wer nicht weiß, welche Daten er hat, kann KI kaum gezielt einsetzen und sitzt am Ende auf der Verliererbank. Sollte eigentlich schon seit der DSGVO Einführung 2018 passiert und am Laufenden gehalten werden. Wer hier noch Bedarf hat sollte sehr schnell beginnen.
Future-Law: Wer muss das Thema im Unternehmen treiben — IT, CEO oder Aufsichtsrat?
Klaus Steinmaurer: Es ist ein Top‑Down‑Thema. Der CEO muss den Anstoß geben und klare Vorgaben machen: „Analysiert, welche Daten wir haben.“ Der Aufsichtsrat ist wichtig als Sounding Board und Kontrollinstanz — er sollte verstehen, welche Risiken und Chancen bestehen. IT kann dann die technische Umsetzung liefern, aber die strategische Verantwortung liegt oben.
Future-Law: Wie habt ihr die Modelle bewertet — warum Mistral Small?
Thomas Schreiber: Wir haben ein Frage‑Antwort‑Set von etwas über 50 Fragen erstellt. Die Hälfte diente zur Prompt‑Schärfung mit dem Lieferanten, die andere Hälfte zum Testen. Wir haben verschiedene Modelle wie Mistral, LLama und Phi in verschiedenen Konfigurationen versucht, und automatisiert bewertet, ob Antworten der Modelle im Vergleich zu unseren eigenen vollständig richtig, größtenteils korrekt oder widersprüchlich waren.
Mistral Small mit ca 19.000 Token Kontextfenster erzielte im deutschsprachigen Einsatzfall die beste Trefferquote. Gehostet ist das Ganze in Europa auf einem dedizierten Server — die Infrastruktur liegt somit lokal in unserer Kontrolle.
Future-Law: Welche Fehler beobachtet ihr bei der Beschaffung von Lösungen?
Klaus Steinmaurer: Häufig wird das Tool vor der Organisation gekauft — ohne Daten ‑ und Prozess‑Readiness. Viele greifen zu großen Beratungsprojekten oder überdimensionierten
Plattformen. Besser ist: erst Daten und Prozesse aufbereiten, dann Standardprodukte prüfen und nur dort anpassen, wo es nötig ist. Oft reicht ein 70/30‑Fit, statt eine Millionen‑Implementierung.
Future-Law: Ihr betreibt Studien und Trainings — was kommt als Nächstes?
Thomas Schreiber: Wir veröffentlichen in den kommenden Monaten noch zwei Outputs; eine Folgestudie zur KI‑Cybersicherheit läuft bereits.
Klaus Steinmaurer: Intern evaluieren wir Geschäftsprozesse — etwa Transkriptionen für Verwaltungsverfahren —Trainings für Aufsichtsräte und Führungskräfte sollen in Zukunft auch angeboten werden. Wir überlegen gerade, wie dieses Zielpublikum am besten erreicht werden kann. Wichtig dabei ist in allen Bereichen ein niederschwelliger Ansatz. KI soll as nützliches Werkzeug und nicht als gefährliche Rocket Science verstanden werden.
Future-Law: Zum Abschluss: Zwei konkrete Tipps, die Unternehmen sofort umsetzen können?
Klaus Steinmaurer: Macht eine Daten‑ und Prozessanalyse — Top‑down initiiert. Ohne Wissen über die eigenen Daten geht nichts. Mein weiterer Tipp: Probiert aus: Kleine Tests mit Standardtools machen. Wenn Unsicherheit besteht, schreibt uns kurz eine E‑Mail — oft klärt sich die Frage schnell. Und: Bindet die Führungsebene ein, denn nur so entsteht echte Digital Readiness.
Future-Law: Danke, lieber Klaus und Thomas für eure Expertise und Zeit, ich erlaube mir eure Kernaussagen kurz zusammen zu fassen:
- Transparenz (Quellen, Prompt, Ausgabe) ist zentral, um Vertrauen zu schaffen und Halluzinationen nachvollziehbar zu machen.
- Regulierung ist kein „Feind“, sondern kann Rechtssicherheit und Innovationschancen bieten.
- Startet mit Daten & Prozessen, dann mit pragmatischen Standardlösungen; vermeidet teure Big‑Bang‑Projekte ohne Vorbereitung.
- CEO und Aufsichtsrat müssen das Thema gestalten — nicht nur die IT.
Über die Autoren:


DR. KLAUS M. STEINMAURER ist Jurist und Geschäftsführer des Fachbereichs Telekommunikation und Post der österreichischen Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR).
Er gilt als Experte für Telekommunikationsrecht, Regulierung und digitale Infrastruktur. Zuvor war er in leitenden Positionen bei T-Mobile und der Deutschen
Telekom tätig.
DI THOMAS SCHREIBER, LL.M. ist Experte im Team für Festnetz- und Internetmärkte der RTR-GmbH. Seit dem Frühjahr 2024 leitet er die neu als Projekt eingerichtete KI-Servicestelle im Fachbereich Telekommunikation und Post. Mit einem Informatik-Abschluss der TU Wien sowie einem juristischen Abschluss der WU beschäftigt er sich seit Jahren national und international mit Themen im Spannungsfeld aus Technik und Recht. Neben seiner Tätigkeit in der RTR-GmbH ist er Co-Founder von NetzBeweis.