Was Jurist:innen aus Innovationsprozessen wie in Birmingham bei der Legal Challenge von SuperTech lernen können
mit Sophie Martinetz
10. Februar 2026
Ein Interview mit Sophie Martinetz, Legal Tech-Expertin und Gründerin von Future-Law
Future-Law: Frau Martinetz, Sie haben in Birmingham gemeinsam mit SuperTech ein Innovationsprogramm für Kanzleien und Legal-Tech-Unternehmen inhaltlich konzipiert, gerührt und geleitet. Warum braucht es solche Programme überhaupt – gerade für Jurist:innen?
Sophie Martinetz: Die Rechtsbranche steht vor enormen Veränderungen. KI, Automatisierung, neue Geschäftsmodelle und immer komplexere regulatorische Rahmenbedingungen prägen unsere Arbeit. Für Jurist:innen bedeutet das: Wir müssen nicht nur Recht anwenden, sondern auch verstehen, wie moderne Prozesse funktionieren und wie Technologie sinnvoll eingesetzt werden kann.
Innovationsprogramme bieten hier einen sicheren Raum zum Lernen.
Sie schaffen Strukturen, in denen Jurist:innen ausprobieren, vergleichen, reflektieren – und ohne Risiko Erfahrungen sammeln können.
Future-Law: Worin liegt der größte Mehrwert solcher Programme für das Mindset?
Sophie Martinetz: Innovation beginnt im Kopf. Viele Jurist:innen sind extrem kompetent, aber auch geprägt von einer Kultur der Fehlervermeidung und Risikominimierung. Das ist im Rechtsbereich wichtig, wirkt aber innovationshemmend. In Birmingham haben wir
gesehen, wie wertvoll es ist, wenn Fachleute beginnen, offen über Herausforderungen zu sprechen, Prozesse wirklich zu hinterfragen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Eines
darf man ja nicht vergessen, Prozesse und Digitalisierung gehörten bis vor kurzem nicht zur Kernkompetenz von Jurist:innen. Dieser Perspektivwechsel – weg vom Perfektionismus, hin zu Neugier und Mut – ist einer der größten Hebel.
Future-Law: Sie sprechen davon, dass Jurist:innen Technologien nicht nur kaufen, sondern adoptieren müssen. Wie gelingt das?
Sophie Martinetz: Technologieadoption ist oft das wahre Problem. Tools werden angeschafft, aber kaum genutzt. Der Grund ist selten die Technologie selbst – sondern die fehlende Einbettung in Prozesse, Kompetenzen und Kultur.
In Programmen wie LOIL in Birmingham bringen wir Jurist:innen und Technologieanbieter zusammen – nicht in Pitch-Form, sondern in echten Deep Dive-Sessions. Die Kanzleien zeigen
ihre realen Abläufe, ihre Dokumente, ihre Pain Points. Die Tech-Unternehmen passen daraufhin ihre Produkte an, statt nur Funktionen zu verkaufen. Dadurch entsteht Verständnis auf
beiden Seiten. Jurist:innen sehen, wie Tools funktionieren, wo sie Grenzen haben, und was es für eine gelungene Einführung braucht. Das führt zu echter Adoption, nicht nur zu einem
weiteren ungenutzten Tool im Regal.
Future-Law: Ein besonderes Element in Birmingham war die Zusammenarbeit zwischen Wettbewerbern. Warum ist das so wichtig?
Sophie Martinetz: Weil echte Innovation nicht im Alleingang entsteht. Die meisten Kanzleien haben ganz ähnliche Herausforderungen – sei es Onboarding, Risikoprüfung, Wissensmanagement oder KI-Einsatz. Wenn man diese Probleme gemeinsam betrachtet, entsteht ein enormer Erkenntnisgewinn.
In Birmingham haben wir erlebt, wie Jurist:innen zum ersten Mal offen miteinander verglichen haben:
- Wie läuft euer KYC-Prozess?
- Wo hakt es bei euch?
- Welche Lösungen nutzt ihr – und wie gut funktionieren sie wirklich?
Diese Offenheit war für viele revolutionär. Sie schafft ein Gefühl der Entlastung und zeigt: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Das ist der Ausgangspunkt für echte, nachhaltige Innovation.
Future-Law: Welche Rolle spielt Prozessinnovation in solchen Programmen?
Sophie Martinetz: Eine sehr große. Juristische Prozesse verändern sich selten radikal – meist sind es die vielen kleinen, strukturierten Schritte, die in Summe eine enorme Wirkung haben.
Programme wie das in Birmingham ermöglichen es, Prozesse aus der Vogelperspektive zu betrachten und gleichzeitig in die Tiefe zu gehen. Man erkennt schnell, wo man Komplexität
selbst gebaut hat, wo Medienbrüche existieren und wo Verantwortlichkeiten unklar sind. Durch den Vergleich mit anderen Kanzleien entsteht ein Benchmarking, das sonst kaum möglich ist. Das Ergebnis sind realistische, praxistaugliche Prozessinnovationen, die sofort umgesetzt werden können.
Future-Law: Künstliche Intelligenz wird aktuell als das große Thema in Kanzleien diskutiert. Was haben die Teilnehmer:innen in Birmingham darüber gelernt?
Sophie Martinetz: KI war tatsächlich das meistgenannte Thema – und auch die größte Sorge. Viele Jurist:innen sehen die Potenziale, aber auch die Risiken und die Geschwindigkeit, mit der
sich die Technologie entwickelt. Das wichtigste Learning war: Technologie ist nicht das Problem – die Kultur ist es. Kanzleien können Tools kaufen, aber die Einführung scheitert, wenn
- Mitarbeitende nicht geschult sind,
- Governance fehlt,
- Angst vor Fehlern existiert,
- Prozesse nicht angepasst werden,
- Verantwortlichkeiten unklar bleiben.
Innovationsprogramme schaffen hier Klarheit und Raum, um Orientierung zu finden. Sie bieten einen Rahmen, in dem über Governance, Datenqualität, Prompting, Risikomanagement und
Verantwortlichkeiten gesprochen werden kann. Diese Diskussionen sind entscheidend, bevor überhaupt ein KI-Tool implementiert wird.
Future-Law: Was können Jurist:innen aus dem Birmingham-Programm für ihren Alltag mitnehmen?
Sophie Martinetz: Drei Dinge:
Erstens: Innovation ist ein Prozess, kein Projekt. Es braucht kontinuierliches Lernen, regelmäßige Tests und Mut zum Experimentieren.
Zweitens: Technologie und Prozesse gehören zusammen. Ein neues Tool ohne Prozessanpassung bringt gar nichts.
Drittens: Zusammenarbeit ist ein Wettbewerbsvorteil. Wer sich öffnet,
profitiert schneller.
Future-Law: Welche Kompetenzen sollten Jurist:innen künftig entwickeln, um mit KI und Digitalisierung souverän umgehen zu können?
Sophie Martinetz:
- Technologiekompetenz: nicht programmieren, aber verstehen.
- Prozesskompetenz: erkennen, wie Wertschöpfung entsteht.
- Datenkompetenz: Wissen über Qualität, Risiken und Governance.
- Neugier und Mut: den Willen, Neues auszuprobieren.
- Kooperationsfähigkeit: gemeinsam lernen statt isoliert kämpfen.
Diese Fähigkeiten werden mindestens genauso wichtig wie klassische Rechtskompetenz.
Future-Law: Was ist Ihr größtes persönliches Fazit aus Birmingham?
Sophie Martinetz: Dass Jurist:innen unglaublich transformativ sein können, wenn man ihnen den passenden Rahmen gibt. Die Offenheit, der Austausch, die Bereitschaft, echte Schwachstellen zu zeigen – das war beeindruckend. Und es bestätigt meine Erfahrung: Innovation passiert nicht im Inneren einer Organisation, sondern im Austausch nach außen.
Und genau das brauchen wir jetzt in der gesamten Branche
Tipps von Sophie Martinetz:
- Innovation braucht einen sicheren Lernraum: Jurist:innen öffnen sich für neue Technologien und Denkweisen, wenn Programme Strukturen schaffen, in denen Fehler erlaubt, Fragen erwünscht und Experimente ausdrücklich vorgesehen sind.
- Technologieadoption gelingt nur mit Prozessveränderung: Tools allein verändern nichts. Erst wenn Abläufe angepasst, Verantwortlichkeiten definiert und Mitarbeitende geschult werden, entsteht echter Mehrwert.
- Kollaboration ist der neue Wettbewerbsvorteil: Wenn Kanzleien und Rechtsabteilungen Erfahrungen austauschen, entsteht ein Benchmarking, das Innovation massiv beschleunigt und bessere Entscheidungen ermöglicht.
- Kultureller Wandel ist wichtiger als Tool-Auswahl: Die größte Hürde ist nicht die Technologie, sondern das Mindset: Offenheit, Mut und Neugier bestimmen, ob Digitalisierung gelingt.
- Kleine Schritte führen zu großen Ergebnissen: Innovation im juristischen Umfeld entsteht selten durch große Umbrüche. Iteration, kontinuierliche Verbesserung und strukturierte Pilotierung führen nachhaltig zu besseren Prozessen.
Über Sophie Martinetz:
Sophie Martinetz ist Gründerin und CEO von Future-Law und eine der führenden Expertinnen für Legal Tech im deutschsprachigen Raum.
Sie kennt die Bedürfnisse, Chancen, Risiken und Zukunftsherausforderungen der Rechtsbranche wie keine Zweite. Dafür wurde Sie 2021 als Brutkasten-Innovator of the Year nominiert, als Women of Legal Tech 2020 ausgezeichnet und gewann im selben Jahr auch noch den European Tech Women Award. Nach einer internationalen Karriere in Berlin und London kehrte die ausgebildete Juristin mit 15 Jahren Erfahrung im internationalen Management und Expertise in Digitalisierung nach Wien zurück und gründete 2017 Future-Law.
