Zwischen Hype und Realität: Warum KI in Unternehmen an der Umsetzung entscheidet

Lesezeit: 5 Minuten
mit Sophie Martinetz


Ein Interview mit Sophie Martinetz, Legal Tech-Expertin und Gründerin von Future-Law

Viele Unternehmen investieren in künstliche Intelligenz – doch der Sprung vom Pilotprojekt in den produktiven Einsatz gelingt nur wenigen. Im Interview erklärt Sophie Martinetz, warum nicht die Technologie, sondern Organisation, Compliance und klare Verantwortlichkeiten über den Erfolg von KI entscheiden, weshalb „AI-Readiness“ mehr ist als ein Buzzword und wieso sich der Markt in Richtung spezialisierter, praxisnaher Lösungen bewegt.


Future-Law: Frau Martinetz, aktuell wird viel über künstliche Intelligenz gesprochen. Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen Hype und Realität in Unternehmen?

Sophie Martinetz: Der größte Unterschied liegt darin, dass viele Unternehmen noch immer technologiegetrieben denken, während die tatsächliche Herausforderung in der Umsetzung liegt. Wir sehen einen massiven Überhang an AI-Lösungen am Markt, aber vergleichsweise wenige Organisationen, die wirklich in der Lage sind, diese sinnvoll zu integrieren. Der Hype fokussiert auf Modelle und Innovation – die Realität hingegen ist geprägt von Fragen wie: Passt die Lösung in bestehende Prozesse? Erzeugt sie messbaren Mehrwert? Und kann sie organisatorisch überhaupt getragen werden?

Future-Law: Woran scheitert es konkret, wenn Unternehmen von Pilotprojekten in den produktiven Einsatz übergehen wollen?


Sophie Martinetz: Interessanterweise selten an der Technologie. Die meisten Proof-of-Concepts funktionieren technisch durchaus. Die Hürden entstehen danach: beim Vertragsabschluss, bei der Skalierung und vor allem bei der internen Umsetzung. Es gibt häufig ein Spannungsfeld zwischen Anbietern, die Innovation verkaufen wollen, und Unternehmen, die belastbare Ergebnisse und ROI erwarten. Genau an dieser Schnittstelle stagnieren viele Projekte.


Future-Law: Sie sprechen von organisatorischen Herausforderungen. Was bedeutet das konkret?

Sophie Martinetz: In der Praxis heißt das: AI ist kein IT-Projekt, sondern ein Transformationsprojekt. Unternehmen unterschätzen regelmäßig den Aufwand für Change Management. Es geht um neue Workflows, neue Verantwortlichkeiten, interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Legal, IT und Fachbereichen – und vor allem um Zeit.

Gerade größere Organisationen tun sich schwer, weil bestehende Strukturen nicht auf diese Art von Integration ausgelegt sind. Start-ups sind hier oft schneller, weil sie weniger Legacy haben.

Future-Law: Was erwarten Unternehmen heute konkret von AI-Lösungen?

Sophie Martinetz: Der Fokus hat sich stark verschoben. Früher ging es um „Was kann die Technologie?“, heute geht es um „Welches konkrete Problem löst sie?“.

Unternehmen wollen keine generischen Tools mehr, sondern spezifische Lösungen, die sich nahtlos integrieren lassen und messbare Effekte liefern. Besonders in Europa sehen wir zusätzlich ein starkes Augenmerk auf Datenkontrolle: Wo liegen die Daten? Wer hat Zugriff? Welche regulatorischen Anforderungen werden erfüllt?

Das führt dazu, dass oft nicht die komplexesten, sondern die pragmatischsten Lösungen erfolgreich sind.

Future-Law: Viele Organisationen bezeichnen sich als „AI-ready“. Was unterscheidet tatsächlich vorbereitete Unternehmen von anderen?

Sophie Martinetz: AI-Readiness ist kein Schlagwort, sondern lässt sich relativ klar strukturieren. Vier Faktoren sind entscheidend:

1. Saubere Datenbasis

2. Klare Data Governance

3. Definierte Verantwortlichkeiten

4. Commitment des Top-Managements

Zusätzlich ist entscheidend, dass AI nicht isoliert gedacht wird, sondern von Anfang an als Teil der Unternehmensstrategie – mit Einbindung aller relevanten Stakeholder.

Future-Law: Sie kommen selbst aus der juristischen Perspektive. Welche Rolle spielt Compliance bei der Entwicklung von AI-Produkten?

Sophie Martinetz: Eine sehr zentrale – und zwar von Anfang an. Compliance ist kein Add-on, sondern muss Teil der Architektur sein. Unternehmen, die das erst spät berücksichtigen, zahlen später einen hohen Preis in Form von Anpassungen oder sogar gescheiterten Projekten.

Interessant ist, dass Compliance zunehmend als Wettbewerbsvorteil verstanden wird. Wer regulatorische Anforderungen sauber integriert, kann schneller skalieren und Vertrauen aufbauen.

Future-Law: Wie verändert sich aktuell die Bewertung von AI-Investitionen?

Sophie Martinetz: Wir sehen eine zunehmende Ernüchterung. Viele Projekte starten ohne klar definierten Business Case – und scheitern dann auch entsprechend häufig. Der Fokus verschiebt sich von isolierten Effizienzgewinnen hin zu strukturellem Mehrwert: schnellere Markteinführung, bessere Qualität, höhere Adoption. Zeitersparnis allein reicht nicht mehr als Argument. AI muss in Kernprozesse integriert sein, um echten Impact zu erzeugen.

Future-Law: Wo sehen Sie aktuell die größten strategischen Fehlannahmen bei AI-Anbietern?

Sophie Martinetz: Die Annahme, dass technologische Überlegenheit automatisch zu Markterfolg führt. In einem überfüllten Markt ist Differenzierung extrem schwierig.

Erfolgreich sind Anbieter, die ein tiefes Verständnis für Branchenprobleme haben und Lösungen anbieten, die in bestehende Strukturen passen. Technologie ist dabei Mittel zum Zweck – nicht das Verkaufsargument.

Future-Law: Wie wird sich der Markt in den nächsten Jahren entwickeln?

Sophie Martinetz: Wir werden eine Konsolidierung sehen. Weniger Anbieter, dafür spezialisierter. Unternehmen werden sich zunehmend für Lösungen entscheiden, die tief in ihre Branche integriert sind und konkrete Probleme lösen. Generalistische AI-Angebote werden es schwerer haben.

Die größte Reibung wird weiterhin in der Umsetzung liegen – und genau dort entsteht auch der größte Wettbewerbsvorteil.

Future-Law: Wenn Sie es auf einen Punkt bringen müssten: Was entscheidet heute über den Erfolg von AI in Unternehmen?

Sophie Martinetz: Nicht die Technologie – sondern die Fähigkeit, sie sinnvoll umzusetzen.


Über Sophie Martinetz: 

Sophie Martinetz ist Gründerin und CEO von Future-Law und eine der führenden Expertinnen für Legal Tech im deutschsprachigen Raum.

Sie kennt die Bedürfnisse, Chancen, Risiken und Zukunftsherausforderungen der Rechtsbranche wie keine Zweite. Dafür wurde Sie 2021 als Brutkasten-Innovator of the Year nominiert, als Women of Legal Tech 2020 ausgezeichnet und gewann im selben Jahr auch noch den European Tech Women Award. Nach einer internationalen Karriere in Berlin und London kehrte die ausgebildete Juristin mit 15 Jahren Erfahrung im internationalen Management und Expertise in Digitalisierung nach Wien zurück und gründete 2017 Future-Law.

Sophie Martinetz
Jahres Corporate Partner

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