„Die meisten Rechtsabteilungen stellen derzeit die falsche Frage.“
30. Juni 2026
Eine Einordnung und Gespräch mit Sophie Martinetz rund um die Fachtagung „Die Digitalisierung der Rechtsabteilung“ und Meet the Autors des gleichnamigen Buches im Springer Verlag.
Wenn ich derzeit mit Rechtsabteilungen spreche, beginnt das Gespräch fast immer mit derselben Frage: Welches KI-Tool sollen wir kaufen? Genau darin liegt aber aus meiner Sicht das eigentliche Problem. Die Auswahl eines Tools ist nicht der Beginn einer Digitalisierung, sondern einer der letzten Schritte. Davor muss ich verstehen, welches Problem ich überhaupt lösen möchte.
Das war auch eine der zentralen Erkenntnisse unseres Webinars zur Digitalisierung der Rechtsabteilung. Obwohl wir über generative KI, Legal Tech und Automatisierung gesprochen haben, drehte sich die Diskussion erstaunlich wenig um konkrete Produkte. Stattdessen wurde sehr deutlich, dass erfolgreiche Digitalisierungsprojekte immer mit einem tiefen Verständnis der eigenen Prozesse beginnen. KI ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, das nur dann einen echten Mehrwert schafft, wenn es in einen funktionierenden organisatorischen Rahmen eingebettet wird. Wer versucht, ineffiziente Prozesse einfach mit KI zu beschleunigen, wird feststellen, dass schlechte Prozesse dadurch lediglich schneller schlecht werden.
Die eigentliche Revolution findet nicht bei der KI statt – sondern bei den Prozessen.
Barbara Lampl hat im Webinar einen Gedanken ausgesprochen, der mich besonders beschäftigt. Sie sagte sinngemäß, dass wir heute nicht mehr primär ein Datenproblem haben, sondern ein Prozessproblem. Dieser Perspektivwechsel ist enorm wichtig.
Viele Unternehmen investieren derzeit erhebliche Ressourcen in Datenprojekte. Natürlich brauchen wir qualitativ hochwertige Daten. Aber Daten aufzubereiten ist ein langfristiger Prozess, der Jahre dauern kann. Viel schneller können wir jedoch unsere Arbeitsabläufe hinterfragen. Genau dort entstehen heute die größten Produktivitätspotenziale.
Ein gutes Beispiel ist die Vertragsbearbeitung. Viele Rechtsabteilungen beschäftigen sich mit der Frage, wie KI Verträge schneller prüfen kann. Die spannendere Frage lautet jedoch: Warum landet der Vertrag überhaupt so spät auf dem Schreibtisch der Juristin oder des Juristen? Warum fehlen regelmäßig Informationen? Warum erfolgen Rückfragen per E-Mail? Warum werden Genehmigungen mehrfach eingeholt oder Dokumente an unterschiedlichen Orten gespeichert? KI kann diese organisatorischen Schwächen nicht beseitigen. Sie kann sie höchstens sichtbar machen. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn Prozesse neu gedacht und konsequent vereinfacht werden.
Legal Intake wird zum Herzstück moderner Rechtsabteilungen.
Ein Thema, das im Markt meiner Meinung nach noch viel zu wenig Aufmerksamkeit erhält, ist das Legal Intake. Martin Kammandel von der Deutschen Telekom hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Digitalisierung einer Rechtsabteilung nicht erst bei der juristischen Bearbeitung beginnt, sondern bereits bei der ersten Anfrage.
In vielen Unternehmen erreichen Rechtsabteilungen täglich unzählige E-Mails mit Betreffzeilen wie „Bitte prüfen“ oder „Dringend“. Oft fehlen Informationen, Fristen oder eine konkrete Fragestellung. Juristinnen und Juristen verbringen dadurch einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, zunächst den eigentlichen Sachverhalt zu rekonstruieren. Moderne Legal-Intake-Systeme verändern genau diesen ersten Schritt. Sie strukturieren Anfragen bereits beim Eingang, fragen fehlende Informationen automatisiert ab und leiten Standardfälle direkt an Self-Service-Lösungen oder die zuständigen Expertinnen und Experten weiter.
Gerade dieser strukturierte Einstieg schafft die Grundlage dafür, dass KI überhaupt sinnvoll eingesetzt werden kann. Denn nur wenn Informationen vollständig und konsistent vorliegen, können nachgelagerte Systeme effizient arbeiten. Aus meiner Sicht wird Legal Intake deshalb in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Bausteine moderner Rechtsabteilungen werden.
Der Erfolg einer KI-Einführung entscheidet sich nicht an der Lizenz, sondern an der Nutzung.
Ein weiterer Aspekt, der sich durch das gesamte Webinar gezogen hat, war das Thema Adoption. Viele Unternehmen messen den Erfolg ihrer Digitalisierungsprojekte noch immer daran, wie viele Lizenzen gekauft oder wie viele Tools eingeführt wurden. Das greift jedoch deutlich zu kurz.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob die Mitarbeitenden die neuen Lösungen tatsächlich in ihrem Arbeitsalltag verwenden. Martin Kammandel berichtete, dass inzwischen mehr als 80 Prozent der berechtigten Mitarbeitenden in seiner Organisation regelmäßig mit generativer KI arbeiten. Diese hohe Nutzungsquote ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis intensiver Schulungen, gemeinsamer Workshops und einer konsequenten Einbindung der Mitarbeitenden bereits während der Einführung.
Digitalisierung ist deshalb niemals ein reines IT-Projekt. Sie ist immer auch ein Veränderungsprojekt. Menschen müssen verstehen, warum sich ihre Arbeitsweise verändert und welchen konkreten Nutzen sie daraus ziehen können. Erst dann entsteht echte Akzeptanz.
Legal Tech besteht aus weit mehr als ChatGPT & Co
Ein besonders spannender Eindruck des Webinars war die enorme Bandbreite an Praxisbeispielen. Während in der öffentlichen Diskussion häufig ausschließlich über ChatGPT oder andere Sprachmodelle gesprochen wird, zeigte sich im Webinar ein deutlich breiteres Bild.
Die Österreichische Post berichtete über ihre Erfahrungen mit Dokumentenautomatisierung und Self-Service-Portalen. Boehringer Ingelheim demonstrierte, wie professionelles Prompt Engineering und spezialisierte KI-Agenten in juristischen Arbeitsabläufen eingesetzt werden können. DLA Piper zeigte anhand internationaler M&A-Transaktionen, wie unterschiedliche Systeme miteinander verbunden werden können, um komplexe Projekte effizient abzuwickeln. Die Hartmann Group wiederum machte deutlich, dass bereits ein gut eingeführtes Legal-Intake-System erhebliche Effizienzgewinne bringen kann – ganz ohne generative KI. LexisNexis zeigte schließlich eindrucksvoll, wie sich juristische Recherche durch KI verändert und welche Rolle hochwertige Inhalte dabei weiterhin spielen.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass Legal Tech heute weit mehr umfasst als einzelne KI-Anwendungen. Digitalisierung bedeutet, die gesamte juristische Wertschöpfungskette neu zu gestalten.
Qualität ist wichtiger als Geschwindigkeit.
In vielen Diskussionen über Künstliche Intelligenz wird der Fokus sehr stark auf Geschwindigkeit gelegt. Natürlich können KI-Systeme Dokumente schneller analysieren oder Texte schneller erstellen. Im Webinar wurde jedoch mehrfach betont, dass Geschwindigkeit allein kein Erfolgsmaßstab ist.
Nicht Geschwindigkeit erzeugt Qualität – sondern Qualität erzeugt Effizienz. Wer von Beginn an hochwertige Prozesse entwickelt und klare Qualitätsstandards definiert, wird langfristig automatisch schneller arbeiten. Umgekehrt führt reine Beschleunigung häufig dazu, dass Fehler lediglich schneller produziert werden.
Gerade im juristischen Umfeld bleibt Qualität deshalb der wichtigste Maßstab. KI kann unterstützen, vorbereiten und beschleunigen. Die Verantwortung für die rechtliche Bewertung bleibt jedoch beim Menschen.
Die Rolle der Juristinnen und Juristen verändert sich grundlegend.
Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt war die zukünftige Rolle juristischer Berufe. Entgegen vieler Befürchtungen wird juristische Expertise durch KI nicht weniger wichtig. Vielmehr verändert sich die Art der Arbeit: Routineaufgaben wie Zusammenfassungen, Übersetzungen oder erste Dokumentenanalysen werden zunehmend automatisiert.
Dadurch entsteht mehr Raum für strategische Beratung, Risikobewertung und komplexe rechtliche Fragestellungen. Gleichzeitig müssen Juristinnen und Juristen künftig stärker verstehen, wie Prozesse funktionieren, wie Daten genutzt werden und wie KI-Systeme arbeiten. Die Zukunft gehört daher nicht ausschließlich Technologieexpertinnen oder klassischen Juristinnen, sondern Menschen, die beide Welten miteinander verbinden können.
Die Rechtsabteilung der Zukunft entsteht im Zusammenspiel von Mensch, Prozessen und Technologie.
Wenn ich aus dem Webinar eine übergeordnete Botschaft ableiten müsste, dann wäre es diese: Die Zukunft der Rechtsabteilung wird nicht durch das leistungsfähigste KI-Modell entschieden. Sie entscheidet sich daran, wie gut es gelingt, Menschen, Prozesse und Technologie miteinander zu verbinden.
Genau dieses Zusammenspiel bildet für mich das goldene Dreieck der Juristerei 2030. Menschen bringen Erfahrung, Urteilsvermögen und Verantwortung ein. Prozesse schaffen Struktur, Transparenz und Skalierbarkeit. Technologie unterstützt dort, wo sie echten Mehrwert liefert. Erst wenn alle drei Elemente zusammenspielen, entsteht nachhaltige Digitalisierung. Die eigentliche Aufgabe der kommenden Jahre wird daher nicht darin bestehen, immer neue KI-Tools einzuführen. Viel wichtiger wird es sein, juristische Arbeit neu zu denken und Organisationen so aufzustellen, dass Technologie ihr volles Potenzial entfalten kann. Genau darin liegt die größte Chance für die Rechtsabteilungen der Zukunft.
Die Digitalisierung der Rechtsabteilung KI, Legal Tech und digitale Organisation für JuristInnen

Danke an die Autor:innen und Speaker:innen:
Nathalie Alon, Rechtsanwältin, Datenschutzexpertin // Simonetta Batteiger, Product Leadership Coach, Simone Batteiger // Gerrit Beckhaus, Partner / Rechtsanwalt und Co-Head Freshfields Lab bei Freshfields // Carina Berger, Legal Counsel, Post AG // Dennis Borchardt, Legal Operations Manager, TKElevator // Richard Bucher, Group Chairman, Validatum // Janine De Monte, Consultant, Group Legal, ALDI SÜD KG // Gerald Dipplinger, Partner, Tax Technology & Digital Services, PWC // Marc Geiger, Director Legal Operations & Business Technologies, Gleiss Lutz // Sandra Gomez Gracia, Legal Technology-Manager, DLA // Martin Kammandel, Legal Tech, Deutsche Telekom AG // Manuela Kohl, Head of Legal & Compliance, TÜV Austria // Tobias Kugler, Head of Legal, Cariad Technology // Barbara Lampl, Data and KI Expertin, Barbara Lampl // Daniel Lieber, Legal Tech, Gleiss Lutz // Jan-Andre Lebendig, Senior Regulations Specialist und Product Owner, Cariad Technology // Nina-Marie Luckhaupt, Legal Technology-Manager, DLA Piper // Sophie Martinetz, Gründerin und Managing Partnerin, Future-Law & Gründerin und Director Legal Tech Center Wirtschaftsuniversität Wien // Irene McGill, Head of Contracts & Projects, OMV // Daniel Michlits, Senior Associate im Tax Technology Team, PwC Österreich // Tobias Mock, LL.M., Legal Excellence, Andreas STIHL AG & Co KG // Gunther Müssig, Rechtsanwalt und Senior Legal Counsel, Cariad SE // Martin Reichetseder, Director Legal Services / Group Compliance Officer, TGW Logistics Group GmbH & Loupe // Leonhard Reiner, Legal Counsel, Legal Tech, ALDI Süd AG // Andrei Salajan, Head of Digitalisation, Schönherr Rechtsanwälte GmbH // Peter Schichl, Head of Legal Technology, Deutsche Telekom AG // Marcus M. Schmitt, General Manager der European Company Lawyers Association (ECLA) // Rebecca Schnelle, Legal Counsel, Hartmann // Marguerita Sedrati-Müller, Counsel, Director People & Culture, Schönherr // Merve Taner, Legal Advisor, Erste Bank AG // Patrick Temmler, Gruppenleiter LegalTech, Vodafone AG // Ruben Tosunyan, Legal Operations Manager, Boehringer-Ingelheim // Lukas Treichl, Counsel / Rechtsanwalt und Co-Head Freshfields Lab bei Freshfields // Markus Warmholz, Director Corporate Legal, Corporate Legal Department, PAUL HARTMANN AG // Lucas Wickenbrock, Head of Legal, LCL/Legal/BU EA Cluster West TKElevator // Pierre G. Zickert, Rechtsanwalt | Counsel, Manager Legal Technology Hengeler Mueller // Eva Zwick, Legal Counsel, PAUL HARTMANN AG