Legal Tech Trends & Chancen für 2025: Ein Interview mit Dr. Anna Wieser
5. Januar 2025
Ein Interview mit Dr. Anna Wieser (Anwältin bei CMS Reich-Rohrwig Hainz)
Wie verändert Legal Tech den Arbeitsalltag in Kanzleien und Rechtsabteilungen – und was kommt 2025 konkret auf uns zu? Statt nur über Buzzwords wie KI, Automatisierung oder No-Code zu sprechen, wollten wir es genau wissen und haben Expertinnen aus der Praxis um ihre Einschätzung gebeten.
Im Fokus: Welche Technologien haben 2024 tatsächlich den Unterschied gemacht? Welche Trends werden 2025 prägend sein – von KI über Datensicherheit bis zu No-Code-Lösungen? Und wo liegen die echten Quick Wins für Kanzleien, die jetzt starten wollen?
Dr. Anna Wieser von CMS Reich-Rohrwig Hainz gibt Einblicke, wie Legal Tech heute schon sinnvoll eingesetzt wird, welche Rolle Change Management dabei spielt und wo sich der Einstieg besonders lohnt.
Welches Legal Tech Thema bestimmte 2024?
Das beherrschende Legal Tech-Thema im Jahr 2024 war zweifellos die zunehmende Automatisierung rechtlicher Dienstleistungen. Die Entwicklung von Tools für die Vertragsanalyse und -verwaltung, die Prozessautomatisierung und die Implementierung von KI-gestützten Systemen zur Unterstützung juristischer Entscheidungsfindung prägten das Jahr. Diese Technologien haben die Art und Weise, wie juristische Dienstleistungen erbracht werden, erheblich verändert und Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen für Kanzleien und Rechtsabteilungen mit sich gebracht.
Was sind die Top 3 Legal Tech Trends in 2025?
1. Weiterentwicklung von KI:
KI-Anwendungen im Rechtsbereich werden immer ausgefeilter und haben das Potenzial, die Art und Weise, wie juristische Prozesse ablaufen, erheblich zu verändern. Fortschritte im Natural Language Processing (NLP) – also der Fähigkeit menschliche Sprache immer besser zu verstehen und zu verarbeiten – sind hierbei ein zentraler Treiber. So können KI-Systeme relevante Informationen aus umfangreichen juristischen Dokumenten wie Gerichtsurteilen oder Gesetzestexten präzise extrahieren. KI-gestützte Tools können Verträge, Schriftsätze oder rechtliche Gutachten teilweise oder vollständig automatisch erstellen. NLP-Technologien helfen, Texte an den jeweiligen Kontext anzupassen und rechtliche Standards einzuhalten. Schließlich können KI-basierte Assistenten (Chatbots), die NLP verwenden, einfache rechtliche Anfragen beantworten, Mandanten durch Prozesse führen oder erste Einschätzungen zu rechtlichen Fragen geben.
2. Fokus auf Datensicherheit:
In einer zunehmend digitalisierten Rechtswelt wird Datensicherheit 2025 mehr denn je im Mittelpunkt stehen. Juristische Daten enthalten hochsensible Informationen, deren Schutz sowohl rechtlich als auch ethisch von größter Bedeutung ist. Daher erwarten wir innovative Lösungen, die eine sichere Speicherung und den verschlüsselten Austausch dieser Daten gewährleisten. Technologien wie Blockchain könnten dabei eine zentrale Rolle spielen, indem sie manipulationssichere Datenbanken schaffen, während Fortschritte in der End-to-End-Verschlüsselung den Zugriff auf vertrauliche Informationen auf autorisierte Parteien beschränken. Gleichzeitig gewinnen Zero-Trust-Architekturen an Bedeutung, die die Sicherheitsstrategie „Vertraue niemandem, überprüfe alles“ umsetzen und damit den Schutz vor Cyberangriffen erhöhen. Legal Tech-Anbieter setzen zunehmend auf solche Technologien, um Anwaltskanzleien und Unternehmen nicht nur rechtlich abzusichern, sondern auch das Vertrauen der Mandanten in die digitale Rechtsarbeit zu stärken.
3. No-Code/Low-Code-Lösungen für den Rechtsbereich:
Ein weiterer wichtiger Trend für 2025 ist der verstärkte Einsatz von No-Code/Low-Code-Plattformen im Legal Tech-Sektor. Diese Technologien ermöglichen es Anwälten und juristischen Fachkräften, eigene Workflows, Automatisierungen und Anwendungen zu erstellen – ohne tiefgehende Programmierkenntnisse. Mit diesen Tools können beispielsweise maßgeschneiderte Lösungen für automatisierte Vertragserstellung, Vertragsmanagement oder Rechtsrecherche entwickelt werden. Dadurch lassen sich Prozesse schneller an spezifische Anforderungen anpassen und Kosten für externe IT-Dienstleister reduzieren. No-Code/Low-Code-Lösungen fördern die Demokratisierung von Technologie im Rechtswesen, indem sie auch kleinen Kanzleien Zugang zu hochmodernen Tools bieten und den Innovationsprozess in die Hände der Nutzer legen.
Change Management ist immer so ein diffuser Begriff – was bringt hier echte Erfolge?
Echter Erfolg im Change Management, insbesondere bei der Einführung von Legal Tech in Kanzleien, entsteht durch klare Ziele, transparente Kommunikation und die Einbindung der Mitarbeiter. Die Vorteile neuer Technologien – wie effizientere Prozesse oder geringerer Verwaltungsaufwand – müssen früh vermittelt werden. Praxisnahe Schulungen und schnelle Erfolge (Quick Wins), etwa die Automatisierung einfacher Aufgaben wie KYC-Prozesse, zeigen direkt den Nutzen der Tools. Führungskräfte müssen als Vorbilder agieren, die Tools aktiv nutzen und deren Mehrwert betonen. Entscheidend ist zudem, den Prozess kontinuierlich zu begleiten, Feedback aus der Praxis einzuholen und die Tools flexibel an die Bedürfnisse der Kanzlei anzupassen. So wird die Einführung von Legal Tech greifbar und nachhaltig.
Wo kann man mit Legal Tech schnell starten, quasi ein Quick Win / Low Hanging Fruit für die, die 2025 losstarten wollen?
Für Kanzleien und Rechtsabteilungen, die 2025 mit Legal Tech starten möchten, bieten sich einfache und schnell umsetzbare Anwendungen als Low Hanging Fruits an. Besonders geeignet ist die Automatisierung von Standardaufgaben, wie zB die Erstellung und Verwaltung von (Standard-)Verträgen. Auch die Einführung von Fristenmanagement-Systemen und KI-gestützten Tools zur Rechtsrecherche kann den Arbeitsaufwand erheblich reduzieren und direkt spürbare Effizienzgewinne liefern. Solche Lösungen sind oft modular und intuitiv einsetzbar, sodass sie mit minimalem Schulungsaufwand und geringer Investition einen schnellen Mehrwert bieten. Dies schafft nicht nur Entlastung im Alltag, sondern baut Vertrauen in die Potenziale von Legal Tech auf.
Über die Autorin:

Dr. Anna Wieser ist Anwältin bei CMS Reich-Rohrwig Hainz. Sie ist in den Bereichen Knowledge Management, Legal Tech & Innovation und Digital Training sowohl für das Wiener Büro als auch die Büros in Zentral- und Osteuropa (CEE) tätig und daran beteiligt, innovative Technologien in die Kanzlei zu integrieren.