„Von der Angst zur Gestaltung“ – Ein Gespräch mit Sophie Martinetz

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Vor zehn Jahren hieß Ihre erste Future-Law Veranstaltung „Wer hat Angst vor Artificial Intelligence?“ – gemeinsam mit IBM. Hatten Sie damals selbst Angst?

Angst nicht, aber gesunden Respekt. Damals war KI im Rechtsbereich ein exotisches Thema – viele KollegInnen haben milde gelächelt. Die Frage war provokant gemeint: Wollen wir uns vor Technologie fürchten oder sie mitgestalten? Meine Antwort war von Anfang an klar: Gestalten. Aber richtig.

Was hat sich seitdem verändert?

Alles – und gleichzeitig erstaunlich wenig. Die Technologie hat sich rasant entwickelt, von regelbasierten Systemen zu generativer KI. Aber die Kernfrage ist dieselbe geblieben: Wer entscheidet? Wer trägt Verantwortung? Vor zehn Jahren musste ich erklären, warum KI JuristInnen überhaupt betrifft. Heute muss ich erklären, warum der Mensch trotz aller technologischen Möglichkeiten das letzte Wort behalten muss.

Daraus wurde Ihr Prinzip „Human in Command“?

Genau. Am Anfang sprach die Branche von „Human in the Loop“ – der Mensch als Kontrollinstanz im Prozess. Aber das reicht nicht. Der Mensch darf nicht nur im Kreislauf mitschwimmen, also ein saloppes „Human in the Loo“, er muss das Kommando haben. KI bereitet vor, der Mensch bewertet, entscheidet und verantwortet. Das klingt einfach, ist aber in der Praxis eine enorme Herausforderung – organisatorisch, kulturell und rechtlich.

Sie haben 2021 das Legal Tech Center an der WU Wien gegründet. Warum der Schritt in die Wissenschaft?

Weil Haltung allein nicht reicht – man braucht Strukturen. Bei Future-Law erreiche ich die Praxis, Kanzleien, Unternehmen. Aber ich wollte auch die nächste Generation prägen. Am Legal Tech Center lernen Studierende nicht nur, wie KI funktioniert, sondern wie man sie verantwortungsvoll einsetzt. Wenn ich sehe, dass unsere AbsolventInnen in ihren Abschlussarbeiten KI-Auswirkungen auf Menschenrechte untersuchen, dann weiß ich: Der Bogen von „Wer hat Angst?“ zu „Wer gestaltet?“ ist geschlossen.

Und Women in Law – warum die Fokusgruppe „KI & Tech“?

Weil die Zukunft der KI nicht nur von Männern in Hoodies gestaltet werden darf. Wenn algorithmische Systeme Entscheidungen vorbereiten, die Millionen betreffen, dann müssen Frauen in diesen Entscheidungsprozessen sichtbar und wirksam sein. Gender Bias in KI-Systemen ist kein Nischenthema – es ist eine Frage der Gerechtigkeit. Die Fokusgruppe gibt Juristinnen einen Raum, ihre Expertise einzubringen und KI-Governance aktiv mitzugestalten.

Ihr neues Buch „KI im Unternehmen“ erscheint 2026. Was ist die Botschaft?

Dass „Human in Command“ kein juristisches Konzept ist, sondern ein strategischer Anker für jede Organisation. Mit über 40 AutorInnen aus allen Bereichen zeigen wir: Verantwortungsvoller KI-Einsatz ist kein Bremsklotz, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Der digitale Humanismus ist kein Luxus – er ist die Voraussetzung dafür, dass Technologie der Gesellschaft dient und nicht umgekehrt.

Und wenn Sie in zehn Jahren zurückblicken?

Dann hoffe ich, dass „Human in Command“ so selbstverständlich ist, dass niemand mehr darüber diskutieren muss. Bis dahin gibt es noch viel zu tun – und ehrlich gesagt, das ist genau der Teil, der mir am meisten Spaß macht.

Vielen Dank für das Interview, Sophie Martinetz.

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