Wenn KI-Pioniere straucheln: Warum auch Legal Tech Vorreiter vor großen Herausforderungen stehen

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Sophie Martinetz, MP Future-Law

Robin AI, ein Pionier der KI im Legalbereich, stand nur neun Monate, nachdem das Unternehmen Platz 10 in der Liste „The Sunday Times 100 Tech 2025“ erreicht hatte, zum Notverkauf. Übrigens wurde es am Ende von einem Österreicher in London gekauft.

Eine kleine Einschätzung zu aktuellen Entwicklungen am Legal Tech Markt:

Die Legal Tech Branche erlebt derzeit ein Paradoxon: Während künstliche Intelligenz als Heilsbringer für die Rechtsbranche gefeiert wird, kämpfen selbst etablierte KI-Pioniere ums Überleben. Jüngste Entwicklungen zeigen, dass auch Unternehmen, die früh auf die Kombination von generativer KI und menschlicher Expertise gesetzt haben, vor erheblichen Wachstumsproblemen stehen. Personalabbau, gescheiterte Finanzierungsrunden und Führungswechsel prägen das Bild einer Branche im Umbruch.

Der Markt wird zum Schlachtfeld

Was noch vor wenigen Jahren als vielversprechende Nische galt, hat sich zu einem überfüllten Schlachtfeld entwickelt. Der Bereich der KI-gestützten Vertragsprüfung, einst Domäne weniger Spezialisten, wird heute von allen Seiten attackiert. Etablierte Contract Lifecycle Management-Anbieter haben generative KI in ihre Plattformen integriert und kämpfen um dieselben Kunden wie die ursprünglichen KI-Pioniere. Gleichzeitig drängen Technologiegiganten mit eigenen Legal-KI-Tools in den Markt und nutzen ihre enormen Ressourcen, um schnell Marktanteile zu erobern. Und auch allgemeine LLMs wie Claude oder ChatGPT sind immer interessanter für die juristische Arbeit.

Besonders bemerkenswert ist die Entstehung hybrider KI-Kanzleien, die mit beeindruckenden Wachstumsraten traditionelle Beratungsmodelle herausfordern. Diese neuen Akteure kombinieren KI-Technologie mit juristischer Expertise und schaffen damit ein Angebot, das sowohl kosteneffizient als auch qualitativ hochwertig ist. Parallel dazu haben sich Alternative Legal Service Provider zu ernstzunehmenden Konkurrenten entwickelt, die KI nun ebenfalls skaliert einsetzen.

Das Verkaufsproblem: Theorie trifft Realität

Obwohl theoretisch Tausende von Unternehmen von KI-gestützten Rechtslösungen profitieren könnten, gestaltet sich die Realität deutlich schwieriger. Die tatsächliche Anzahl großer Unternehmen, die bereit sind, solche Lösungen im großen Maßstab zu implementieren, bleibt überraschend begrenzt. Viele Rechtsabteilungen zögern noch, ihre etablierten Prozesse grundlegend zu ändern, während andere bereits mit einfacheren Lösungen wie direktem Zugang zu ChatGPT experimentieren. Aber auch Anwaltskanzleien sind abwartend.

Diese Zurückhaltung der Zielkunden führt zu verlängerten Verkaufszyklen und macht es für Legal Tech Anbieter schwer, die prognostizierten Umsätze zu erreichen. Ein Unternehmen, das noch vor einem Jahr seine Umsätze verdoppelt und dabei rund zehn Millionen Dollar erreicht hatte, sieht sich nun mit stagnierendem Wachstum konfrontiert – trotz erheblicher Investitionen in den vorangegangenen Jahren.

Wenn Investoren ungeduldig werden

Die Finanzierungslandschaft für Legal Tech hat sich fundamental gewandelt. Früher investierten kleinere, spezialisierte Fonds mit moderaten Erwartungen. Heute interessieren sich die größten Venture Capital Fonds weltweit für Legal Tech und stellen entsprechend hohe Anforderungen. Diese Investoren erwarten nicht nur solides Wachstum, sondern explosive Expansion und klare Marktführerschaft.

Unternehmen, die diese ambitionierten Ziele verfehlen, fallen schnell aus der Gunst ihrer Geldgeber. Die Folgen sind drastisch: gescheiterte Finanzierungsrunden, Personalabbau und strategische Neuausrichtungen unter enormem Zeitdruck. Ein besonders problematisches Phänomen zeigt sich, wenn Unternehmen versuchen, durch komplexe Partnerschaften oder Akquisitionen ihr Wachstum zu beschleunigen, dabei aber ihre strategische Klarheit verlieren.

Interne Turbulenzen verstärken externe Probleme

Parallel zu den Marktherausforderungen kämpfen viele Legal Tech Unternehmen mit internen Problemen. Führungsinstabilität während kritischer Wachstumsphasen erweist sich als besonders schädlich. Wenn Gründungsmitglieder das Unternehmen verlassen oder mehrere CTO-Wechsel in kurzer Zeit stattfinden, leidet nicht nur die operative Kontinuität, sondern auch das Vertrauen von Kunden und Investoren.

Strategische Partnerschaften, die ursprünglich als Wachstumsbeschleuniger gedacht waren, entpuppen sich manchmal als Belastung. Wenn beispielsweise ein auf Großkunden spezialisiertes Unternehmen plötzlich auch kleine Kanzleien bedienen soll, verwässert dies die Markenbotschaft und führt zu operativer Komplexität. Besonders problematisch wird es, wenn der Partnerunternehmen selbst in Schwierigkeiten gerät und massive Kursverluste erleidet.

Die große Bereinigung steht bevor – the Winner takes it all?

Die aktuellen Entwicklungen deuten auf eine bevorstehende Konsolidierung der Legal Tech Branche hin. Viele der heute noch eigenständigen Unternehmen werden sich entscheiden müssen, ob sie von größeren Plattformen übernommen werden wollen oder das Risiko eingehen, in einem zunehmend umkämpften Markt unterzugehen.

Diese Marktbereinigung ist nicht nur natürlich, sondern auch notwendig. Die derzeitige Anzahl von Anbietern ist für die Größe des adressierbaren Marktes schlichtweg zu hoch. Kunden sind überfordert von der Vielzahl ähnlicher Angebote, während Anbieter sich in einem ruinösen Preiskampf befinden.

Lehren für die Zukunft

Die aktuellen Schwierigkeiten der Legal Tech Branche zeigen, dass technologische Innovation allein nicht ausreicht. Erfolgreiche Unternehmen benötigen neben überlegener Technologie auch strategische Klarheit, operative Exzellenz und die Fähigkeit, sich in einem überfüllten Markt zu differenzieren. Die Zeiten, in denen allein das Versprechen von KI-Unterstützung ausreichte, um Investoren und Kunden zu begeistern, sind vorbei.

Für die verbleibenden Akteure wird sich die Konkurrenz bis 2026 noch weiter verschärfen. Nur diejenigen, die es schaffen, JuristInnen echten Mehrwert in der täglichen Arbeit zu liefern und dabei profitabel zu wachsen, werden als eigenständige Marktführer überleben. Die anderen werden Teil größerer Plattformen oder verschwinden ganz vom Markt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Legal Tech nicht von anderen Technologiebranchen – am Ende setzen sich die durch, die nicht nur innovativ, sondern auch geschäftlich erfolgreich sind.

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