Was macht die Konkurrenz denn da?

Ein kleiner Blick zur Konkurrenz kann nicht schaden. Vor allem wenn die Konkurrenz selbst Legal Tech Tools entwickelt und ich selbst noch fünfmal täglich nach dem aktuellen Stand der Liste fragen muss. Aber hilft der Blick zur Konkurrenz mehr als er schadet? In der exklusiven Interview-Serie mit Sophie Martinetz, Founderin und Managing Partnerin von Future-Law, beantworten wir diese Frage und sprechen darüber, wie man am besten an hilfreiche Informationen gelangt.

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Konkurrenz belebe laut Sophie Martinetz den Markt und sei deswegen auch gut: „Ich glaube, es ist auch wirklich wichtig zu schauen, was die anderen machen, um eine Einschätzung zu bekommen.“ Trotzdem gehe es vor allem darum, sich zu überlegen was die eigenen Probleme sind und was man selbst braucht. Also sei es schon ratsam sich auf dem Markt umzusehen, denn wenn viele digitalisieren, seien auch mehrere Produkte verfügbar.

Problematisch werde es, wenn man „über den Gartenzaun“ schaue und ein Tool sieht, das man dann sofort auch selbst haben möchte. Das seien oft die Punkte, in denen Martinetz hineinkomme und gefragt werde wie das Tool funktioniere und welche Erfahrungen sie damit habe. Da weise sie die Personen noch einmal einen Schritt zurück und finde zuerst heraus, was das eigentliche Problem ist. „Es gibt Managing Partner in großen Kanzleien, die sind mega digital und haben nicht einmal mehr ein eigenes Büro und das ist toll für die. Aber das entspricht nicht der eigenen Realität, sondern man sitzt in einem Büro und macht noch viele Dinge. Und sagt: ‚Vielleicht ist digital auch gar nicht für mich, sondern für mein Team viel wichtiger.‘“, beobachtete Martinetz. Deswegen empfehle sie zwar die Konkurrenz als eine Art Orientierung und Inspiration, aber stellt nochmals klar, dass man sich zuerst darüber bewusst werden muss, was die Veränderung für einem selbst und das Unternehmen bedeutet. Mit diesen Überlegungen komme man dann wieder zu Strategie und Prozessen. „Ich glaube es ist schon ganz gut sich Dinge anzuschauen, wo man sieht welche Fehler gemacht wurden. Dann muss ich diese Fehler nicht mehr machen“, sieht sie darin eine gute Best Practice-Funktion.

Lernen Sie aus den Fehlern anderer!

Wie kann ich aber aus den Fehlern anderer lernen, wenn mir meine Konkurrenz nur beschränkte Auskunft geben möchte? „Das wollten wir letztes Jahr bei der Legal Tech Konferenz zeigen, dass man einen ehrlichen offenen Austausch bekommt“, spricht Martinetz die Konferenz zum Thema „Failures & Success in Legal Tech“ an. Zusätzlich gebe es „tolle“ Institutionen wie den Legal Tech Hub Vienna, die sich austauschen. Natürlich habe jede Kanzlei eine eigene Strategie, aber wenn man im Strategie-Thema angekommen ist, wisse man was man möchte und könne relativ klar und konkret schauen, was funktioniere und was nicht. Wenn man so weit sei, könne man konkrete Recherchen anstellen und sich bei passenden Personen durchfragen. „Gerade bei diesem Digitalisierungsthema, ist die Angst nicht so groß, zu erzählen, was man macht. Weil es viel mehr Arbeit ist, als man glaubt und die, die es dann eingeführt haben, wissen schon, dass das nicht so schnell machbar ist.“, sieht die Managing Partnerin keinen Grund zur Selbstzensur in der Kommunikation.

Ansonsten seien auch Netzwerke wie der Legal Tech Club sehr viel Wert und dabei hilfreich, sich vertraulich auszutauschen. Eine weitere Option seien die Anbieter*innen. Diese hätten nämlich den Vorteil viele Kund*innen zu sehen und wissen deswegen was funktioniert und was nicht. Wichtig sei auch, dass die gewünschte Digitalisierung zum Geschäftsmodell passe. So seien Startups oder Legal Techs, die sich nicht danach erkundigen nicht seriös. Hilfe bei der Entscheidung könnten auch externe Berater*innen bieten. Das Advisory von Future-Law habe auch den Vorteil viele Dinge zu sehen. Das helfe dabei festzustellen was funktioniert und was noch nicht. Zusammengefasst könne man sich nach Fehlern als bei Externen, Anbieter*innen und dem Netzwerk erkundigen.

Was brauche ich?

Trotz allem kann es schon verlockend sein, einfach dasselbe Tool wie die Konkurrenz zu beschaffen. Einfach „Copy Paste“ zu machen, weil das bei der Konkurrenz gut funktioniert, sei laut Martinetz auch ein Weg. Allerdings müsse man sich dabei fragen, ob man überhaupt dasselbe Problem habe. So sei es natürlich sehr beeindruckend wie erfolgreich beispielsweise große Kanzleien in England Vertragsautomatisierung einsetzen. Die Frage sei nur, ob das Tool dann denselben Nutzen im eigenen Unternehmen hat. Als Orientierung solle ein Referenzwert her. Mache man etwas weniger als 20 Mal im Monat könne es sich gar nicht auszahlen. „Natürlich sind das tolle Tools und wenn ich so wie diese Kanzlei ticke, dann sollte ich das auch machen. Aber dann muss ich mich gut kennen. Dem spricht dann nichts entgegen. Wenn ich weiß, was ich brauche und wenn ich sage: ‚Das tut mir weh.‘ Dann schaue ich eben, was die machen. Also ich glaube, da kann man ja voneinander lernen. Aber dann ist man wieder beim Provider, weil in Wirklichkeit brauche ich dann denselben Provider, den die Konkurrenz vielleicht hat.“, erklärt die Gründerin.
Gefährlich sei es, etwas zu übernehmen, nur weil es woanders gut funktioniert. Als Beispiel nennt Martinetz einen Anwalt, der mit allen Klienten nur auf Threema und Signal kommuniziert und gar nicht mehr telefoniert. Das sei zwar für den Anwalt gut, aber wenn man selbst am liebsten telefoniere, würden alle Chat-Funktionen nichts nützen. Genauso müsse man auf die Klienten und deren Bedürfnisse achten.

Der größte Fehler ist also, nicht auf die eigenen Bedürfnisse sowie das Geschäftsmodell zu achten und blind eine andere Strategie zu verfolgen. Dennoch könne eben das auch eine Strategie sein: Man probiert einfach alles aus und sieht danach weiter was funktioniert und was nicht. „Es ist ja auch nicht schlecht, Dinge auszuprobieren. Wir sehen nur, dass oft eine Ernüchterung einsetzt, weil sich das bei einem selbst nicht auszahlt, obwohl sich das für andere schon auszahlt“, erzählt Martinetz und empfiehlt, „Ich glaube das ist oft ein Missverständnis. Wenn man die Ressourcen nicht hat, dass man diese Missverständnisse im Positiven nutzen kann, dann sollte man es lieber lassen und sich gut in die Bedarfsanalyse hineinbegeben“

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Legal Tech Club Redaktion: Liebe Mitglieder, wir sind wieder hier. Im Laufe unserer Interviews Serie mit Sophie Martinetz, Founder und Managing Partner von Future-Law werden wir heute darüber sprechen, warum man sich nicht oder warum man sich vielleicht doch an der Konkurrenz in der Digitalisierung orientieren sollte. Sophie, also es gibt ja die Early Adopters und all jene, die dann später nachziehen. Findest du es prinzipiell gut, wenn man als Kanzlei sieht, da sitzt mein Konkurrent schon weiter ist als ich, dass ich mich an denen orientiere?

00:00:39

Sophie Martinetz: Also Konkurrenz belebt den Markt. Also insofern ist das ganz gut. Ich glaube, es ist auch wirklich wichtig zu schauen, was die anderen machen, um eine Einschätzung zu bekommen. Die Frage ist, was auch immer der andere macht oder die andere macht. Es geht halt darum, dass ich überlege, was sind meine Probleme und was brauche ich. Insofern ja, man soll schauen, was tut sich im Markt. Und wenn viele digitalisieren, heißt es ja auch nur, dass der Markt das Thema braucht. Also insofern ist es gut, wenn viele digitalisieren, weil man dann auch mehr Produkte hat, auf die man zugreifen kann und so weiter. Das Thema, das ich nur sehe ist, oft schaut mal so über den Gartenzaun und sieht: "Ah, der hat was Cooles. Und das will ich auch." Und das sind dann oft die Punkte, wo wir dann hineingekommen und gefragt werden: "Ja, wie ist dieses Tool und funktioniert das?" Und wir sagen: "Gehen wir noch einen Schritt zurück" Und ich weiß, es ist mega langweilig. Aber zu sagen: "Was ist denn dein Problem?" Weil es gibt Managing Partner in großen Kanzleien, die sind mega digital und haben nicht einmal mehr ein eigenes Büro und das ist toll für die. Aber das entspricht nicht der eigenen Realität, sondern man sitzt in einem Büro und macht noch viele Dinge. Und sagt: "Vielleicht ist digital auch gar nicht für mich, sondern für mein Team viel wichtiger." Also ja, orientieren und sich Inspiration holen. Ich glaube, man könnte auch sagen Best Practice. Aber wichtig ist, dass man sich die Zeit nimmt und sagt: "Was bedeutet das für uns und für mich, vor allem in der Kanzlei selber." Und das ist dann wieder Strategie, Prozess, zu dem wir kommen. Aber ich glaube, es gibt schon ganz gute Dinge, sich anzuschauen, wo man sagt: "Was haben Sie jetzt falsch gemacht, was brauche ich nicht mehr falsch machen" zum Beispiel.

00:02:16

Legal Tech Club Redaktion: Und wenn ich sehe, was die falsch gemacht haben, werden die mir wahrscheinlich nicht sagen, warum das falsch gelaufen ist. Wie kann ich das herausfinden? Das ist dann irgendwie eine schwierige Frage.

00:02:28

Sophie Martinetz: Naja, das ist eine gute Frage. Das ist das, was wir letztes Jahr bei der Legal Tech Konferenz versucht haben zu zeigen, ist schon auch, dass man einen ehrlichen offenen Austausch bekommt. Dann gibt es tolle Institutionen, z.B. den Legal Tech Hub Vienna oder Europe, die sich austauschen auf einem gewissen Level. Natürlich hat jede Kanzlei eine eigene Strategie, aber die Frage ist: "Bin ich schon im Strategie Thema drinnen?" Wenn ich im Strategie Thema schon drinnen bin und weiß was ich will, dann kann ich relativ klar und konkret schauen, was funktioniert und was nicht. Weil dann kann ich konkrete Recherche machen. Ich kann konkret überlegen und fragen: "Wer hat, denn schon was?" Und dann kann ich mich wirklich durchfragen. Und ich denke, gerade bei diesem Digitalisierungsthema, ist die Angst nicht so groß. Gott sei Dank zu erzählen, was man vielleicht macht, weil es ist viel mehr Arbeit als man glaubt und die die es dann eingeführt haben, wissen schon, dass dsa nicht so schnell machbar ist. Das nicht einfach ein Blog-Beitrag oder wo man es nachschreiben, sondern es ist viel Arbeit. Und insofern haben die alle ein bissl weniger Angst, weil sie wissen wie viel Arbeit das ist und, dass ich es nicht leicht nachmachen kann. Ich denke sonst aber Netzwerke oder wie wir hier haben einen Legal Tech Club, wo man sich vertraulich austauschen kann, ohne jetzt Betriebsgeheimnisse zu erzählen, sind schon viel wert. Oder eben wie der Legal Tech Hub wo man sowas hat. Oder man spricht natürlich mit Anbietern. Das mun man schon auch, sagen, die Anbieter haben einen Vorteil. Die sehen natürlich viele Kunden und können auch sagen, was funktioniert, was funktioniert, wo nicht. Und da gibt es Anbieter, die werden nie die Wahrheit sagen. Aber es gibt viele Anbieter, die ja kein Interesse haben, ein Produkt zu verkaufen, das nicht funktioniert. Also ich finde, das Thema Automatisierung von Vertragserstellungs-Vorlagen zum Beispiel. Das muss einfach zum Geschäftsmodell einer Anwaltskanzlei passen. Und wenn auf der anderen Seite das Startup oder das Legal Tech sagt: "Na alles kein Problem" und so weiter, ist es auch nicht seriös. Also ich glaube, da kann man sich schon erkundigen, in welche Richtung man gehen könnte. Also wir machen auch Advisory z.B. weil wir einfach viel sehen. Ja und wir advicen dann auch und sagen einfach: "Das hat funktioniert, das hat vielleicht nicht so gut funktioniert" und dann kann sich immer noch seine eigene Meinung bilden zu dem Thema Das sind die Themen: externe Hilfe, Anbieter, gutes Netzwerk.

00:04:49

Legal Tech Club Redaktion: Es ist nicht damit getan, wenn ich sage, dass Tool XY verwendet mein Konkurrent. Das funktioniert gut bei denen. Ich nehme das jetzt auch einfach.

00:04:58

Sophie Martinetz: Naja, wenn man sich überlegt und sagt: "Der macht das so super und wir wollen das genauso machen", kann man auch Copy Paste machen. Also ich sage nicht, dass man es nicht machen soll. Die Frage ist nur: "Hat man dasselbe Problem?" Natürlich gibt es Kanzleien in England, die setzen wahnsinnig erfolgreich Vertragsvorlagen ein. Da gibt es große Firmen wie Contract Express oder sonstige, also wirklich große Filme von Thomson-Reuters und so weiter. Und die haben natürlich den Vorteil, dass sie allerdings jede Woche 30 Stück von diesen Verträgen machen. Jetzt ist natürlich super, dass ich mir auch ein Tool reinhole. Die Frage ist nur: "Wie oft mache ich irgendetwas als Kanzlei?" Wenn ich das nicht 20 Mal im Monat mache, ist die Frage: "Zahlt es sich überhaupt, es zu tun?" Also ich glaube, es geht um diesen Referenzwert. Natürlich sind das tolle Tools und wenn ich so wie diese Kanzlei ticke, dann sollte ich das auch machen. Aber dann muss ich mich gut kennen und dem spricht dann nichts entgegen, wenn ich weiß, was ich brauche und wenn ich sage: "Das tut mir weh" Dann schaue ich halt, was die machen. Also ich glaube, da kann man ja voneinander lernen. Aber dann ist man eh wieder beim Provider, weil in Wirklichkeit brauche ich dann denselben Provider, den sie vielleicht haben. Aber dann kenne ich mich ja schon gut. Ich glaube, das Gefährliche ist zu sagen: "Cool. Dieser Anwalt kommuniziert auf Threema und macht nur auf Signal und kommuniziert mit all seinen Kunden und telefoniert nicht mehr." Ja, das ist zwar nett, aber wenn ich am liebsten telefoniere nutzt es mir nichts, wenn ich eine super Chat-Funktion habe und meine Klienten vielleicht sagen: "Der spinnt, die spinnt jetzt. Sie wollen es mit mir auf Threemer telefonieren." Also ich glaub, da muss man die Katze im Sack oder die Kirche im Dorf lassen. Aber es ist trotzdem gut sich anzuschauen, was die anderen machen, weil dann hat man auch die Ideen nicht. Und um sie so wie Acceleratoren Programme wie zum Beispiel der Legal Tech Hub macht, ist das super, weil du einfach neue Ideen bekommst.

00:06:45

Legal Tech Club Redaktion: Das heißt, das größte Problem, der größte Fehler wäre eigentlich, dass ich keine Bedarfsanalyse bei mir selbst durchführe.

00:06:53

Sophie Martinetz: Das ist jetzt super zusammengefasst. Ja, wobei, es kann auch eine Strategie sein zu sagen: "Wir probier mal einfach alles aus, wir schauen wir mal. Also ich schau mal, funktioniert das bei uns und wenn ja, wieviele Partner machen das dann nachher oder wieviel Konzipienten machen das? Oder kann das der Paralegal, die top ausgebildete Sekretärin, der top ausgebildete Assistent quasi mitmachen?" Es ist ja auch nicht schlecht, Dinge auszuprobieren. Ich denke nur was wir sehen ist, dass oft eine Ernüchterung einsetzt, wenn man sagt: "Das hat sich für uns jetzt nicht ausgezahlt, obwohl sich für die anderen auszahlt." Und das glaube ich oft einmal ein Missverständnis. Und ich glaube, wenn man nicht die Ressourcen hat, dass man diese Missverständnisse im Positiven nutzen kann, dann sollte man es lieber lassen und sich gut in die Bedarfsanalyse hineinbegeben.

00:07:37

Legal Tech Club Redaktion: Danke auf jeden Fall für den interessanten Input. Liebe Mitglieder wir sehen uns dann wieder beim nächsten Mal, wenn wir wieder einer Frage auf den Grund gehen.

00:07:50

Sophie Martinetz: Dankeschön, baba.

Die Legal Tech Club Redaktion bereitet regelmäßig interessante Beiträge zu den Themen Legal Tech und Digitalisierung vor, damit Sie vorne mit dabei sind!