Wie geht Cerha Hempel bei der Entwicklung eines Tools vor?

Die Entwicklung eines Legal Tech Tools bedarf viel Expertise. Darum entstehen dabei auch oft Kooperationen mit IT-Spezialist*innen. In der Kanzlei Cerha Hempel erfolgt die Entwicklung mit sehr viel hausinterner Expertise. Hans Kristoferitsch, Partner bei Cerha Hempel, beschreibt wie die Kanzlei einen „Web-Scraper“ entwickelt hat.

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„Immer am neuesten Stand der österreichischen Rechtsprechung“

Wie in vielen anderen Bereichen kann Automatisierung auch hier zu großen Effizienzsteigerungen führen: Verhältnismäßig einfache Programme können verschiedene Plattformen nach neuen Informationen absuchen, um diese den Interessent*innen gesammelt zur Verfügung stellen zu können. Wo Plattformen nicht ohnehin schon eine Schnittstelle zur Verfügung stellen, die es Programmen erlaubt Informationen direkt abzurufen („API“), können sogenannte „Web-Scraper“ genutzt werden. Dabei handelt es sich um ein Programm, das nach einem vorgegebenen Muster relevante Websites nach öffentlich zugänglichen Informationen absucht und diese Informationen herunterlädt, wenn vorgegebene Suchparameter erfüllt sind. Dadurch ist es beispielsweise möglich, die aktuellsten Urteile verschiedener europäischer Gerichte tagesaktuell und gesammelt zur Verfügung zu haben.

Um von dieser Technik zu profitieren, wurde bereits ein Web-Scraper umgesetzt, welcher automatisiert das RIS nach den neuesten Rechtssätzen durchsucht.

Diese Rechtssätze werden dann auf Twitter unter @rechtssatz zur Verfügung gestellt, was Nutzer*innen – automatisiert und ohne jeden zusätzlichen Zeitaufwand – ermöglicht, immer am neuesten Stand der österreichischen Rechtsprechung zu bleiben. In weiterer Folge soll diese Technologie im Rahmen unseres Legal Tech Centers auch in weiteren Rechtsgebieten eingesetzt und für Mandant*innen nutzbar gemacht werden. So arbeitet CERHA HEMPEL in einem Pilot-Projekt zurzeit an einer automatisierten Aggregation deutschsprachiger Urteile zum Lebensmittelrecht.

Unser „Live-Ticker Lebensmittelrecht“ soll Interessent*innen schließlich die Möglichkeit bieten, sich tagesaktuell und ohne jeglichen Manipulationsaufwand über sämtliche aktuellsten Entwicklungen im Lebensmittelrecht informieren zu können. Relevante Urteile werden dabei ganz im Sinne eines Live-Tickers am Tag ihrer Veröffentlichung von unserer Anwendung identifiziert und zentral zur Verfügung gestellt werden. Eine automatisierte Filterung dieser Urteile nach Relevanz und eine automatisierte Zusammenfassung des Inhalts sind logische nächste Schritte in der Adoption dieser Technologie.

Präzise Parameter notwendig

Für die Umsetzung derartiger Legal Tech-Projekte im Rahmen unseres Legal Tech Centers zentral ist dabei die enge Zusammenarbeit zwischen unseren Jurist*innen der jeweils relevanten Rechtsgebiete und unserer Mitarbeiter*innen, die technisches Know-How beisteuern. Im Fall unseres Lebensmittelrechts Live-Tickers müssen von den Fachexpert*innen gemeinsam mit den IT-Expert*innen zunächst gemeinsam inhaltlich und technisch sinnvolle Suchparameter definiert werden, nach denen relevante Urteile ausgewählt werden. Im nächsten Schritt programmieren unsere technisch geschulten Mitarbeiter*innen dann einen Web-Scraper, der die relevanten Datenbanken nach den definierten Parametern durchsucht. Dadurch gefundene Ergebnisse werden dann in einer internen Datenbank zusammengeführt.

Eine große Schwierigkeit in diesem Zusammenhang liegt in der Auswahl der richtigen Suchparameter. Zu allgemein formulierte Suchparameter führen auch zu Ergebnissen, die nicht das gewünschte Rechtsgebiet betreffen und zu eng formulierte Parameter führen dazu, das relevante Ergebnisse nicht gefunden werden. Eine Adjustierung der Suchparameter ist daher nach Fertigstellung des Web-Scrapers unabdingbar. Dabei müssen die Ergebnisse in Zusammenarbeit zwischen unseren Jurist*innen und technisch geschulten Mitarbeiter*innen analysiert und gegebenenfalls angepasst werden.

Eine weitere große Schwierigkeit ist die rigide Struktur eines Web-Scrapers. Ein Web-Scraper nimmt genau den Weg und lädt Informationen genau an der Stelle herunter, die ihm vorgegeben werden. Man muss jede Eingabe und jeden Klick vorab definieren. Diese Schritte führt der Web-Scraper dann in regelmäßigen Abständen automatisch für unzählige potentiell relevante Dokumente durch. Daraus ergibt sich jedoch auch das Problem, dass jede Abweichung von dieser vorgegebenen Struktur einen Fehler produziert. Wenn Daten keiner einheitlichen Struktur folgen oder der Aufbau einer Datenbank im Nachhinein verändert wird, kann ein Web-Scraper in vielen Fällen auf dem vorgegebenen Weg keine relevanten Daten mehr finden. Zwar können viele solche Fehler durch „Error-Handling“, also das Antizipieren von Fehlern und die Programmierung von Alternativen, sollte ein solcher Fehler auftreten, vermieden werden, doch kann dadurch trotzdem nicht auf die regelmäßige Kontrolle der Ergebnisse des Web-Scrapers und gegebenenfalls dessen Anpassung verzichtet werden. Auch im laufenden Betrieb ist daher eine kontinuierliche Zusammenarbeit der juristischen und der technischen Expert*innen unabdingbar – eine „lesson learned“ die wie wir meinen verallgemeinerungsfähig ist und nicht nur für dieses konkrete, sondern für Legal Tech Projekte im Allgemeinen gilt.

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