Wie sieht es mit Transformation und Legal Tech aus, Herr Weissmann?

Im Gespräch mit Benjamin Weissmann MBA, CFE, Associated Partner, Forensic & Integrity Services, Forensic Technologies gehen wir den Themen Bedeutung der Digitalisierung bzw. Legal Tech, Mehrwert für Rechtsanwält*innen und Rechtsabteilungen sowie Bereiche, die beim Einsatz zukünftig beachtet werden müssen, ein.
Sophie Martinetz: Lieber Herr Weissmann, in welchen Bereichen gewinnt die Digitalisierung / Legal Tech derzeit am meisten an Bedeutung?

Benjamin Weissmann: Wir befinden uns heute mitten in einer digitalen Transformation der gesamten Wirtschaft, so auch der Rechtsbranche: Bereits heute werden mithilfe von innovativer Technologie einzelne juristische Arbeitsschritte unterstützt bzw. gänzlich automatisiert. Beispiele im Bereich der Rechtsberatung sind Online-Portale, welche die Akquise und Beratung von juristischen Streitfällen mittels digital standardisierter Prozesse abwickeln.

In einzelnen Bereichen der Rechtsbranche ist der Einsatz innovativer Technologie bereits zu einer Notwendigkeit geworden, wie beispielsweise bei der Beweismittelbeschaffung und Sachverhaltsaufklärung im Rahmen von forensischen Untersuchungen. Die voranschreitende Digitalisierung unseres Alltags und unserer Arbeitswelt hat zur Folge, dass Untersuchungen angesichts des Vorliegens enormer Datenbestände ohne den Einsatz von Technologie kaum noch durchzuführen sind. Nehmen wir beispielsweise den Bereich der eDiscovery: Mithilfe von eDiscovery-Tools ist es möglich, selbst Unmengen an elektronischen Daten zu durchsuchen, zu filtern und zu analysieren, um den Sachverhalt zeit- und kosteneffizient aufzuklären. Anschließend werden die erlangten Erkenntnisse strukturiert aufbereitet, um diese intern zu verwenden bzw. Gerichten oder Behörden zur Verfügung zu stellen.

Ein weiterer vielversprechender Bereich der Legal Tech ist „Contract Analytics”. In diesem Teilgebiet von Legal Tech konnten bereits deutliche Fortschritte erzielt werden. Verträge werden digitalisiert und mithilfe von Software „durchsuchbar“ sowie „verarbeitbar“ gemacht. Speziell für Kanzleien und Rechtsabteilungen bietet dies essenzielle Vorteile, um bestehende Prozesse zu optimieren und Kosten flächendeckend zu reduzieren.

SM: Wie können Rechtsanwälte und Rechtsabteilungen von diesen Entwicklungen profitieren?

BW: Der Sinn und Zweck von innovativer Technologie im Bereich Legal Tech besteht grundsätzlich darin, Juristinnen und Juristen in ihren Tätigkeiten zu unterstützen und Prozessabläufe zu beschleunigen, um einen gegebenen Arbeitsaufwand sowie Kosten zu reduzieren. So profitieren Kanzleien und Rechtsabteilungen bereits seit Jahren von dem Einsatz moderner Technik, beispielsweise durch die Nutzung von rechtsspezifischen Online-Datenbanken oder Software zur Administration kanzleiinterner Aufgaben. Darüber hinaus können wir durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz neue Stufen der Effizienz erreichen und auch hochkomplexe Arbeitsprozesse optimieren.

Knüpfen wir beispielsweise an die vorher erwähnte Thematik „Contract Analytics“ an. Mittels dedizierter Software werden Verträge analysiert, um eine rasche und zielgerichtete Verarbeitung durch Visualisierung, Kategorisierung und Extraktion spezifischer Vertragsbestimmungen zu ermöglichen.

SM: Was haben Kanzleien und Rechtsabteilungen beim Einsatz von neuartigen Legal Tech Tools zukünftig zu beachten?

BW: In erster Linie müssen sich Kanzleien und Rechtsabteilungen mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern und in welchem Ausmaß Legal Tech Tools im eigenen Unternehmen möglichst sinnvoll eingesetzt werden können. Wo ist eine Investition in meinem Unternehmen zweckmäßig? Wo kann ein starker Technologiepartner unterstützen?

Darüber hinaus sollten sich Juristinnen und Juristen zukünftig mit den Grundzügen digitaler Technologien befassen, um bestmöglichen Nutzen daraus ziehen zu können. Nur mit einem daraus resultierenden Basisverständnis können derartige Tools richtig angewendet und Digitalisierungspotentiale für die juristische Arbeit erkannt werden. Denn eines ist gewiss, die Digitalisierung in der Rechtsbranche wird weiterhin zügig voranschreiten.

Sophie Martinetz ist Gründerin und Managing Partner von Future-Law, einer unabhängigen Plattform für Legal Tech.