Die NextGeneration der Juristerei – im Interview mit Christina-Maria Leeb

Die NextGeneration der Juristerei – im Interview mit Christina-Maria Leeb

Die Zukunft der Rechtsbranche
Vielen als Lawfluencerin vom gleichnamigen Instagram Account bekannt, hatten wir die große Freude ein Interview mit Christina-Maria Leeb zu führen. Welchen Einfluss LegalTech auf die nächste Generation hat, wie es dazu gekommen ist, dass Frau Leeb Ihre Doktorarbeit zum Thema LegalTech geschrieben hat und vieles mehr ist in unserem heutigen Beitrag zu lesen.
Frau Leeb, erzählen Sie uns doch ein wenig von Ihrem juristischen Werdegang und  wie es dazu kam, dass Sie sich für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema LegalTech entschieden haben?  Sehr gerne. Ich habe nicht den klassischen Weg Abitur und anschließend Studium hinter mir, sondern habe tatsächlich einen etwas weniger linearen Lebenslauf. Nach dem Realschulabschluss habe ich eine Ausbildung zur Justizfachwirtin absolviert. Justizfachwirtinnen und -fachwirte arbeiten in den Serviceeinheiten der Gerichte und Staatsanwaltschaften. Die Ausbildung hat mir großen Spaß gemacht, aber ich wollte mir meinen großen beruflichen Traum, Jura zu studieren, verwirklichen. Daher habe ich nach meiner Ausbildung auf der Berufsoberschule mein Abitur nachgeholt und im Anschluss mein Studium absolviert. Schon während der Studienzeit war ich an einem juristischen Lehrstuhl beschäftigt und habe mich auch schon an Veröffentlichungen in Fachzeitschriften versucht. Außerdem hat mir die Seminararbeit im Schwerpunktbereich sehr große Freude bereitet – da lag die Entscheidung, gleich nach Abschluss des 1. Staatsexamens mit der Promotion anzufangen, nahe. Meine Doktorarbeit wurde im September des vergangenen Jahres veröffentlicht, in ein paar Wochen starte ich nun in das Rechtsreferendariat.  Die universitäre juristische Ausbildung wird immer wieder bemäkelt, weil sie nicht mehr der marktpolitischen Realität entsprechen soll. Sie haben Ihre Doktorarbeit im innovativen, aufstrebenden und vielleicht in der Ausbildung noch nicht ganz angekommenen Bereich LegalTech geschrieben – wie kam es dazu?  Ich habe in der vorherigen Frage verschwiegen, dass ich schon seit meiner Tätigkeit am Lehrstuhl immer nebenher auch in einer größeren mittelständischen Rechtsanwaltskanzlei im Fachbereich IT, IP und Medienrecht gearbeitet habe – und auch aktuell noch arbeite. Dort haben einzelne Anwälte schon im Jahr 2016, als ich mit meiner Doktorarbeit begonnen hatte, zum Thema publiziert und ich durfte hierfür Rechercheaufträge bearbeiten. Zuerst hatte ich das Thema Legal Tech gar nicht als Dissertationsthema auf dem Schirm, zumal es zu diesem Zeitpunkt auch noch kaum (deutschsprachige) Literatur gab. Doch nachdem sich ein anderer Themenvorschlag als nicht geeignet herausstellte, kam ich auf den Gedanken, mich dieser Entwicklung auch in meiner Forschung zu widmen – und zum Glück war auch mein Doktorvater sofort begeistert. Ich habe mich in meiner Arbeit dann auf die vorwiegend berufsrechtlichen Aspekte von Legal Tech für die Anwaltschaft fokussiert.  Sie sind auch bedacht darauf, anderen in der Rechtsbranche-Tätigen die Digitalisierung näher zu bringen und haben unter anderem ein öffentlich zugängliches Dokumentationszentrum (über LinkedIn) von themenspezifischen Texten erstellt. Warum glauben Sie ist eine Auseinandersetzung mit der Materie und dem zugehörigen Wissenserwerb wichtig? Das Dokumentationszentrum ist auf Anregung von Markus Hartung, einem der Legal Tech-Pioniere, entstanden. Unser Gedanke dahinter war und ist, dass wir die bisherigen Bücher zum Thema sammeln und zudem auch mittels Verlinkung der Autorenprofile auf LinkedIn bzw. XING sowie den Abstracts der Werke zur besseren Sichtbarkeit der Expertinnen und Experten beitragen. Dies kann für eine Person, die an einer wissenschaftlichen Arbeit in den Bereichen Legal Tech, E-Justice und/oder E-Government sitzt, ebenso hilfreich sein wie für das Organisationsteam von Konferenzen, Meetups und Tagungen. Sich mit der Zukunft der eigenen Profession und den damit einhergehenden Veränderungen auseinanderzusetzen, ist aus meiner Sicht disziplinübergreifend essentiell, um selbst „am Ball“ zu bleiben und im (gerade auch internationalen) Wettbewerb den Anschluss nicht zu verlieren. Mit Ihren Vorträgen zu Themen wie „Influencer-Recht“, Social Media im Business und LegalTech für Studierende setzen Sie sich intensiv mit Zukunftsthemen der Juristerei auseinander — Wo sehen Sie die größten Chancen und Herausforderungen bei der Digitalisierung der Rechtsbranche?  Große Chancen bestehen aus meiner Sicht z.B. mit Blick auf die erweiterten und leichteren Möglichkeiten des Zugangs zum Recht sowie in der Unterstützung im Berufsalltag bei wiederkehrenden (Standard-)Aufgaben und internen Prozessen. Eine der größten Herausforderungen wird sein, dass der Anwenderin bzw. der Anwender der Technik nicht blind vertraut und die eingesetzten Algorithmen nachvollziehbar und damit letztlich überprüfbar sind. Darüber hinaus ist gerade mit Blick auf Digitalisierungsvorgänge in der Rechtspflege essentiell, dass die Bevölkerung das Vertrauen in den Rechtsstaat nicht verliert. Wollen wir wirklich, dass uns ein Algorithmus sämtliche nicht-normative Faktoren einer richterlichen Entscheidung en detail offenlegt? Wohl eher nicht. Last-but-not-least: Haben Sie vielleicht noch ein paar Tipps oder Tricks für die NextGeneration, welche Sie ihnen auf den Weg mitgeben möchten? Selbstverständlich. Erstens: Bleiben Sie immer offen für neue Themen. In einer sich ständig rasant weiterentwickelnden Welt ist es unverzichtbar, gedanklich „beweglich“ zu sein und nicht starr an eigenen Arbeitsweisen und gedanklichen Konstrukten festzuhalten. Zweitens: Blicken Sie über den Tellerrand hinaus und eignen Sie sich auch Kenntnisse und Fähigkeiten an, die nichts bzw. nur am Rande mit Jura zu tun haben. Ein Wochenendseminar an der eigenen Universität zum Projektmanagement kann dabei genauso gewinnbringend sein wie die Teilnahme an einem Gründerwettbewerb oder Hackathon gemeinsam mit Studierenden unterschiedlicher Fakultäten. Und drittens: Informieren Sie sich über Legal Tech, Blockchain, Smart Contracts, Künstliche Intelligenz und andere technische Entwicklungen und eignen Sie sich so nach und nach ein Grundverständnis in diesen Bereichen an. Das heißt nicht, dass Sie zwingend programmieren lernen müssen. Auch z.B. auf YouTube oder mittels Podcasts kann man sich kostenfrei sehr gut informieren.  Wir bedanken uns recht herzlich bei Christina-Maria Leeb für Ihren Input! Einflussreich, einsatzbereit und erst am Anfang ihrer Karriere — die Zukunft der Juristerei. Noch bis 21. März läuft die Einreichfrist für die Future-Law NextGen Awards für Bachelor-, Master-, Diplom- sowie PH.D. Arbeiten, die sich mit dem Thema LegalTech beschäftigen. Unsere hochkarätig besetzte Jury freut sich bereits auf die spannenden Bewerbungen und steht in den Startlöchern, um am 20.4 due NextGen Awards zu vergeben. Ihr Future-Law Team, Sophie Martinetz & Sophie Werner   Sophie Werner Portrait Christina-Maria Leeb: (c) Universität Passau / Hernandez